Reduce to the max: Mit „Triologia“ veröffentlicht das Daniel Woodtli Trio ein echtes Klangkunstwerk

Gitarre, Bass, dazu wahlweise Flügelhorn oder Trompete. Mehr Instrumente braucht es nicht, um ein reinrassiges Jazzalbum mit ganzen 14 Songs vorzustellen. Den akustischen Beweis dafür liefert das Schweizer Daniel Woodtli Trio mit seinem neuen Album „Triologia“. Schon beim ersten Anspielen des Longplayers wirkt die Produktion sehr aufgeräumt und offenbart dem Hörer eine große Asthetik. Ein Großteil der Songs ist sehr sparsam instrumentiert – getreu dem Motto von Antoine de Saint-Exupéry „Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzu zu fügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann“. Dabei schlüpft die virtuose Gitarre von Nick Perrin mal in eine begleitende, mal in eine den Rhythmus angebende Rolle, wirft mal gestrichene Akkorde ins Arrangement oder spielt zusammen mit der Trompete das Hauptthema. Lorenz Beyeler am Kontrabass versorgt die Produktionen mit Körper, Volumen und Wärme, den seine Bandkollegen allein nicht zu erzeugen vermögen. Daniel Woodtli schließlich, Namensgeber und Hauptverantwortlicher für die Kompositionen, dehnt mit den Blechbläsern das klangliche Spektrum der Songs in die oberen Tonlagen aus. Vor allem aber sorgt er für Akzente, anspruchsvolle Soli und dafür, dass bei allem Perfektionismus und dem hohen musikalischen Niveau der gesamten CD immer eine gewisse Leichtigkeit mitschwingt.

Zwei Cover-Songs enthält das Album, zum einen den Jazz-Standard „You And The Night And The Music“ von Arthur Schwartz aus den 1930er Jahren und „My Heart“, den die belgisch-stämmige Musikerin Sarah Bettens komponiert hat. Beide Songs sind – genau wie der Rest des Albums – absolut gelungen und zeichnen sich nicht durch pures Nachspielen aus, sondern erfahren durch die Handschrift Daniel Woodtlis eine echte Veredelung.

Zwei Sommernachtsträume: Rheingau Musik Festival holt Hamel, Raul Midón und Richard Bona nach Wiebaden

Nein, so richtig sommerlich ist dieser Sommer 2011 wahrlich nicht. Open Air-Konzerte geraten da zum echten Vabanque-Spiel. Doch am Freitag, den 05. August zeigte das sich Wetter gnädig – und so konnte das Konzert des niederländischen Sängers Hamel wie geplant im Wiesbadener Kurpark stattfinden. Pünktlich um 19.30 Uhr kommt Wouter Hamel, wie er mit vollem Namen heißt, auf die Bühne. Allein, nur mit seiner Gitarre gibt er den Titeltrack des aktuellen Albums „Nobody’s Tune“ zum Besten. Stimmlich kann der Künstler auf ganzer Linie überzeugen, man merkt, er hat eine intensive Gesangsausbildung an der Kunsthochschule in Utrecht genossen. Doch musikalisch will der Funke nicht so recht überspringen. Daran vermag auch die fünfköpfige Band, die ab Song Nummer zwei mit auf der Bühne steht, nichts ändern. Die Song-Auswahl indes präsentiert sich als Spaziergang zwischen verschiedensten Stilen, beschwingte, jazzige Stücke wie „Big Blue Sea“ reihen sich an poppige Songs wie „One More Time On The Merry-Go-Round“ und Balladen wie „Tiny Town“, in der Hamel das beschauliche Landleben besingt. Dabei kann der junge Holländer, Jahrgang 1977, auch sein stimmliches Talent beweisen, singt mal dynamisch und kraftvoll, mal leise und gehaucht – doch sind die Texte und deren Inhalt oft flach wie die Landschaft seines Heimatlandes. Und auch die Band bleibt – bis auf ein paar Glanzpunkte durch Soli von Gitarrist Rory Ronde – hinter ihren Möglichkeiten zurück. Nach 45 Minuten ist Pause, kurz vorher spielt Hamel noch „Demise“, die erste Single-Auskopplung seines in Kürze erscheinenden, dritten Albums. Die 30 Minuten Pause scheinen vor allem dem Publikum gut getan zu haben, denn die Stimmung wird besser. Wouter Hamel gibt den Charmeur, gefällt sich in der Rolle des mustergültigen Schwiegersohns und umgarnt sein Publikum mit weiteren Songs des neuen Albums, hat aber auch wieder Stücke des aktuellen Longplayers wie „In Between“ im Angebot. Zum Schluss lässt der Künstler seine Zuhörer zum Song „See You Once Again“ mitsingen, danach ist Schluss. Doch das Publikum klatscht Hamel – für meine Begriffe ein wenig zu frenetisch und mit stehenden Ovationen – für die Zugabe „Toulon“, die er der südfranzösischen Stadt gewidmet hat, zurück auf die Bühne. Fazit: Ein solider, kurzweiliger Auftritt. Doch nach von Kritikern gezogenen Vergleichen mit Jamie Cullum, Jeff Buckley oder Michael Bublé hätte ich mir – vor allem musikalisch – ein wenig mehr erhofft.

Ganz anders verhält es sich mit dem Konzert des Folgetages, das unter das schützende Dach des Wiesbadener Kurhauses verlegt werden musste. Richtige Entscheidung, denn nicht nur Dieter Bohlen machte im Staatstheater nebenan mit der Suche nach dem Supertalent Station, auch der Regen war Dauergast an diesem Abend. Mit Raul Midón und Richard Bona hatten sich zwei absolute Ausnahmemusiker für den 06. August angekündigt, entsprechend hoch war die Erwartungshaltung. Ersterer ist bekannt für seine soulige, variantenreiche Stimme und sein einmaliges, perkussives Gitarrenspiel, der Zweite ist ein Genie am Bass – und hat von den Brecker Brothers über Pat Metheny bis hin zu Joe Zawinul schon so ziemlich mit allem gespielt, was in der Jazz- und Rockszene Rang und Namen hat. Unterstützt werden die beiden von Drummer Lionel Cordew aus Barbados und Keyboarder Etienne Stadwijk aus Rotterdam, beide ebenfalls Meister ihres Fachs.

Es ist die letzte Show ihrer Tournee und man merkt allen Künstlern an, wie sehr sie die gemeinsame Zeit genießen und genossen haben. Die Truppe präsentiert sich bestens auf einander eingespielt, das musikalische Niveau ist schier unglaublich. Mal interpretieren die vier Musiker Songs aus der Feder von Midón, darunter „Silly Man“ oder „Waited All My Life“, mal arabeske oder afrikanische Stücke, die sicher dem Einfluss von Bonas Geburtsland Kamerun zu verdanken sind. Dazwischen gibt es fetzige und druckvolle Fusion-Sounds, weltmusikalische und südamerikanische Einschläge, Midóns Vater ist Argentinier, und jazziges, ja sogar souliges zu hören. Mit dem Singen wechseln sich Midón und Bona ab, mal steht der eine, mal der andere im Mittelpunkt. Garniert werden die Songs durch tolle Soli aller Beteiligten, besonders die Spielfreude von Drummer Lionel Cordew gefällt. In den Pausen zwischen den Songs zeigen sich die Musiker sehr gesprächig, schmeicheln ihrem Publikum, machen Späßchen, Bona stimmt sogar „Alle Vögel sind schon da“ und bayrische Humpta-Humpta-Bassläufe an. Und das kommt beim Publikum an. Nach einem Bass- und Vocal-Solo, in dem Bona sich eindrucksvoll und mit Unterstützung des Samplers auf seine afrikanischen Wurzeln besinnt, spielt Midón eine fabulöse, zehnminütige Version seines Hits „Sunshine“. Dabei scheint er eins zu werden mit seinem Instrument, zupft, zieht und schlägt auf die Saiten, imitiert nebenbei noch ein täuschend echtes Trompetensolo mit dem Mund und schraubt seine Stimme in ungeahnte Tiefen und luftige Höhen. Grandios – der Saal kocht. Zwar steht der ganze Saal ohnehin schon, doch zu den beiden Zugaben wird sogar getanzt. „Sing, Sing, Sing!“ lautet das Motto des vorletzten Songs. Und die Damen und Herren des Publikums singen auf Kommando miteinander, gegeneinander, für einander – und vor allem durcheinander. Doch das tut der Sache keinen Abbruch. Auch die Musiker sind nach fast zwei Stunden Programm hochzufrieden. Mit erhobenem Daumen verlässt Richard Bona die Bühne, den blinden Raul Midón untergehakt. Respekt, Gentlemen, Respekt.

Looking Back: Paul Carrack rockt den Frankfurter Hof

Nein. Beweisen muss der Mann wirklich niemandem mehr irgendwas. Dafür ist er schon zu lange im Musikgeschäft – und dafür hat er wirklich genügend Hits oder Gelegenheiten gehabt, auf sich und sein Talent aufmerksam zu machen. Paul Carrack geht aber trotzdem auf Tour. Und das ausgiebig, regelmäßig und mit viel Leidenschaft. Warum? Weil es ihm richtig viel Spaß bringt. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau das merkt man auch.

Doch von Anfang an. Denn den Einstieg macht Lisbee Stainton. Junge 22 Jahre alt, steht sie ganz alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne. Das Mainzer Publikum weiß sie zu Beginn noch nicht so recht einzuordnen, doch das gibt sich schnell. Denn mit Lockenkopf, Charme und viel Talent führt die britische Singer-Songwriterin gekonnt durch die ersten vierzig Minuten des Abends und gewinnt die Sympathie der Zuhörerinnen und Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken. Unaufgeregt, souverän, ja fast schon entspannt, überzeugt sie durch ihr sehr perkussives Gitarrenspiel, ohne dabei wie ein Abklatsch zu Milow oder dessen musikalischem Klon Mads Langer zu wirken. Die Songs stammen vom aktuellen Album „Girl On An Unmade Bed“.

Dann schlägt die Stunde der „Rocker“ – zumindest hört man sie schon laut neben der Bühne lärmen, noch bevor das Konzert richtig starten konnte. Und Paul Carrack gibt sich keine Blöße: Eben noch ein balladeverliebtes Album mit dem Royal Philharmonic Orchestra eingespielt, dann schnell ein paar Auftritte als Sänger zusammen mit der grandiosen SWR Big Band – und jetzt bringen er und seine vier “Jungs” in Mainz als klassische Rock-Formation das Haus zum Kochen. Zugegeben – richtiger Hard-Rock klingt ein klein wenig anders, aber der gitarrenlastige Sound und die Arrangements weisen in eine eindeutige Richtung. Von Anfang an hat sich Paul Carrack selbst die E-Gitarre umgeschnallt, wechselt zwischendurch auf die akustische Version, weiter ans Keyboard und die Orgel – um schon beim nächsten Stück wieder die Saiten zu quälen. Die Augen fast immer fest zugekniffen, treibt er die Songs mit seiner markanten Stimme vorwärts. Kein Wunder, ist die Setliste mit 16 Songs plus Zugabe zum Bersten gefüllt. Und trotzdem ist er jederzeit Herr der Lage, zu keiner Zeit entsteht der Eindruck, dass sich irgendwer beeilen würde. Und das Publikum? Hängt an seinen Lippen. Fast alle Lieder sind bekannt, bei den großen Hits wie „Silent Running “, „Another Cup Of Coffee“ oder „How Long“ singt der ganze Saal.

Dass Paul Carrack es aber nicht nur mit dem Komponieren, Arrangieren und Singen richtig drauf hat, beweist er während der groovenden Nummer „Better Than Nothing“: Schlappe drei Soli haut der Brite hintereinander raus – auf drei verschiedenen Instrumenten versteht sich. Danach verlangsamt sich das Tempo der Songs wieder ein wenig, mit „The Living Years“ und „Love Will Keep Us Allive“ wird es schmusiger.

Am Ende – und darauf haben alle gewartet – gibt Paul Carrack mit „Looking Back (Over My Shoulder“ seinen wohl größten Hit zum Besten. Und das wird honoriert, denn das ganze Haus singt, klatscht und tanzt von der ersten bis zur letzten Reihe – besser könnte die Stimmung nicht sein – und besser könnte ein solches Konzert nicht enden. Noch auf dem Weg zum Parkhaus hört man die gepfiffene Melodie im unfreiwilligen Kanon – es scheint gefallen zu haben. Und mir auch.

Dienstag Nacht in Frankfurt: Pianist Ludovico Einaudi macht auf der „Nightbook“-Tour in der Alten Oper Frankfurt Station

Meine erste „Begegnung“ mit Ludovico Einaudi war nicht unbedingt von großer Musikalität oder hohen Emotionen geprägt. Vielmehr schallte er mir von den Deckenlautsprechern der CD-Abteilung eines Elektronik-Marktes entgegen und schien dabei in einem Meer von Stimmengewirr, Telefonklingeln und den Schreien Minderjähriger beim Konsolenspielen unterzugehen. Am Abend des 29. März ist aber all der Lärm und all der hektische Alltag ausgeblendet – Entschleunigung ist angesagt. Und obwohl sich weit über 1.000 Menschen in der Alten Oper eingefunden haben, erinnert die Szenerie eher einen Ozean der Stille. Keine Telefone, keine eingehenden E-Mails, keine nervigen Handyfilmer oder Kompaktkamera-Blitzer. Nur Ruhe. Und Klavier. Ludovico Einaudi trägt einen dunklen Anzug, ist ganz alleine auf der großen Bühne, sitzt vorgebeugt am Flügel, wiegt sich im Takt. Note um Note wirft er die Töne wie Kieselsteine in das stille Wasser, lässt sie wirken, ihre Kreise ziehen. Das Publikum lauscht andächtig.

Und während der Mann am Klavier seine reduzierten, streckenweise minimalistischen Kompositionen aneinander reiht, fängt das Kopfkino an. Denn auf der Bühne passiert nicht viel. Manch einer verfolgt das Konzert sogar mit geschlossenen Augen. Die Gedanken schweifen. Ludovico Einaudi liefert den perfekten Soundtrack dafür, das große Haus der Alten Oper die perfekte Kulisse. Freilich: Die Musik und ihre Akkordfolgen sind nicht überkomplex oder fordern den Zuhörern höchste Konzentration ab, selten scheinen die Arrangements sogar an der Grenze zum Seichten. Aber genau das macht den Reiz aus, denn irgendwie schafft es der Künstler, das Publikum mit seinem Mix aus klassischen Melodien, Filmmusik und subtilen Pop-Anleihen zu fesseln.

Nur zweimal unterbricht Ludovico Einaudi sein Spiel und erzählt, dass ihm ein Traum die Inspiration für die Musik seines jüngsten Projektes „Nightbook“ gab. Ein Traum, der ihn in eine dunkle Nacht früher Kindheitstage zurückreisen ließ. Dass die Songs alle ein wenig an Dämmerung, sternenklaren Himmel oder in sanftes Mondlicht getränkte Landschaften erinnern, ist nicht zu leugnen. Und auch das passt wieder zur Stille im Konzertsaal, auch das gibt neuen Stoff für den imaginären Film im Kopf. Einaudi schließt den Kreis.

Nach 80 Minuten lässt sich der Pianist vom begeisterten Publikum erneut auf die Bühne bitten. Unter den Zugaben ist auch das bekannte „I Giorni“, Titelsong des gleichnamigen und jüngst erschienenen Albums. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen gelungenen Abend – und die Erfahrung, dass man auch im Elektronik-Fachhandel auf die ein oder andere musikalische Perle stoßen kann.

 

Nachgelegt: Lizz Wright gastiert in Mainz

Bloggen lebt ja eigentlich von der Aktualität. Eigentlich. Das Konzert von Lizz Wright in Mainz ist aber schon ein paar Tage Vergangenheit, deshalb ist es ausnahmsweise mal mit der Aktualität nicht ganz so weit her. Nichts desto trotz ein kurzer Bericht – also los!


Gospel und Soul sind zwar allseits bekannte – und von R&B bis Hip-Hop gern zitierte Musikstile – aber in ihrer Reinform doch eher selten geworden. Mal abgesehen von den Gospel-Chören, die sich hierzulande bevorzugt um die Weihnachtszeit und natürlich immer im Namen des Herrn die Taschen mit immergleichem Liedgut die Taschen füllen. Doch da hat die US-Amerikanerin schon einen anderen Anspruch, gottseidank!


Das Konzert im Frankfurter Hof startet mit kurzer Verspätung, der Saal ist prall gefüllt. Kein Keyboard oder Synth, dafür aber zwei Gitarren, Bass und ein Drumset stehen auf der Bühne. Gospel-Songs ohne den typischen Orgel-Sound? Klar, dass ein paar piano- oder eben orgellastige Songs des aktuellen Albums “Fellowship” nicht mit auf der Setliste stehen. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, denn die Jungs an den Gitarren entlocken ihren Instrumenten eine große Bandbreite an Sounds: Ob akustisch gezupft, Aufgeladen mit Effekten oder Gezogen mit dem Slide. Herrlich! Lizz Wright steht auf der Bühne. Barfuß. Weißes Kleid mit schwarzer Stola. Die Augen geschlossen, ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Und dann singt sie die ersten Zeilen ihres Songs “Old Man”. Bluesig. Soulig. Voller Gefühl. Und nimmt ihr Publikum dabei mit auf eine musikalische Reise durch die amerikanischen Südstaaten. Mal geht es in schnellen Schritten voran, mal scheint die Sängerin still zu stehen und innezuhalten. Und diese Abwechslung tut gut, die vierzehn Songs inklusive eines schönen Gospel-Medleys als Zugabe vergehen wie im Flug.

Tonight: Jazz Today – Lisa Bassenge und Jacky Terrasson im Frankfurter Hof

Der Abend des 19. Februar im Frankfurter Hof zeigte sich kontrastreich: Die erste Hälfte bestritt die Berlinerin Lisa Bassenge mit ihrer Band „Katapult“, nach kurzer Pause folgte der – ebenfalls in Berlin geborene – Pianist Jacky Terrasson mit seinem Trio. Zweimal Jazz – und doch zwei grundverschiedene Ansätze.

Lisa Bassenge, die gerade ihr neues Album „Nur Fort“ vorgestellt hat, präsentiert den Jazz auf der Bühne abwechslungsreich und von einer poppig-bunten und federleichten Seite – der oft genauso wirkt wie die überdimensionalen Luftballons, die es als bekanntes Motiv vom Cover-Foto mit auf die Bühne geschafft haben. Von arabesken Melodien über rockige Nummern bis hin zu leichtem Swing ist für jeden etwas dabei – solide instrumentiert von der vierköpfigen Band, gewürzt mit ordentlichen Solo-Darbietungen. Besonders Gitarrist Christian Kögel gefällt mit seiner Spielfreude und seinen Improvisationen. Das Besondere an diesem Abend sind die vielen deutschen Texte von Songs wie „In dieser Stadt“ oder „17 Millimeter fehlen“ von Hildegard Knef. Aber auch der von Joachim Witt zu besten NDW-Zeiten getextete Song „Kosmetik“ oder die lyrische Element Of Crime-Ballade „Seit der Himmel“ kommen beim Publikum an. Zwischenfazit: Grundsolide und gut gemacht, aber in wenigen Momenten auch hart an der Grenze zum Seichten. Und dass Lisa Bassenge bei zwei Songs den Text kurz vergisst ist schade, aber nicht weiter tragisch.

Ganz anders hat Jacky Terrasson den Jazz für sich definiert. Sein Konzert ist bester, typischer Trio-Jazz – und doch wieder nicht. Dass Songs auch mal 20 Minuten dauern, Michael Jacksons „Beat It“ mit dem „Harry Potter Theme“ zu einer neuen Version von „Body And Soul“ gekreuzt werden und zwischendurch noch „Somewhere Over The Rainbow“ einfließt, zeugt von der enormen Experimentierfreude der drei Musiker. Alle sind im Niveau ebenbürtig, jeder kann die musikalischen Fragen der anderen perfekt parieren. Terrasson selbst setzt gerne und bewusst Dissonanzen ein um neue Klangkonstrukte zu schaffen, wirkt perfektionistisch, verbissen, dann wieder ein bisschen freaky, streckenweise leicht narzisstisch. Aber: Mit seinen Arrangements gewinnt er sogar Songs wie dem guten alten Jazz-Standard „Caravan“ noch ein paar neue Seiten ab. Große Kunst, die zu recht mit tosendem (Szenen-)Applaus vom ausverkauften Frankfurter Hof honoriert wird.

Zum Schluss kommen auch Lisa Bassenge und Band noch einmal zurück auf die Bühne, um zusammen mit Jacky Terrasson das Cover „Use Me“, im Original von Bill Withers, zu performen. Leider relativiert Lisa Bassenge den vorher hinterlassenen, guten Eindruck. Nicht unbedingt, weil sie wieder beim Text patzt, sondern – viel unangenehmer – weil sie viel zu nervös wirkt und fast nur schrille Töne auf das Publikum niederprasseln. Schade, denn musikalisch war auch diese Zugabe ein echter Leckerbissen.

 

Mittendrin statt nur dabei: Pat Appleton präsentiert zweites Solo-Album

Soulmusik auf Deutsch, daran haben sich schon viele versucht. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Heute habe ich das neue Album „Mittendrin“ von Pat Appleton bekommen – und eine Zugfahrt in den Süden steht an. Perfekt. Denn die 90 Minuten im ICE lassen sich mit Musik besser aushalten.

Und während wir Frankfurt langsam hinter uns lassen, liegen rund 40 Minuten deutsche Soulmusik vor mir. Pat Appleton, geboren in Aachen, mit sechs Jahren in die Heimat ihres Vaters, Liberia übergesiedelt und mit 18 wieder zurück nach Deutschland gekommen, hat schon viel gemacht. Immer wieder war sie Stimme von De-Phazz oder tourt mit dem Bahama Soul Club – unvergesslich ihr Auftritt auf dem Aalener Jazzfest 2009. Aber auch Songs mit Jazzkantine und den Nighthawks schmücken die Discografie. „Mittendrin“ ist ihr zweites Album, das in den Wintermonaten von 2009 bis 2010 entstand. Neben dem typisch souligen Sound, der mehr nach Blues, Pop und Rock als nach Funk klingt, sind es vor allem die deutschen Texte, die hinhören lassen. Dabei versteht sich Pat Appleton nicht als Lyrikerin, die mit großen Worten um sich wirft, sondern überzeugt mit authentischen Berichten und detailverliebten Beobachtungen, die ganz en passant für große Gefühle sorgen. Trotzdem bleibt Zeit für eine kleine Portion Augenzwinkern und Ironie – zum Beispiel im Song „Niemals“, der die Verwandlung vieler frischgebackener Eheleute zu Spießern auf die Schippe nimmt. Oder im Eröffnungstrack „Weißmehl“ – der eine groovende Liebeserklärung an Paris ist: „…doch diese Stadt war pures Gold für meine armen Hüften…“. Aber auch leisere Töne liegen der Künstlerin mit der warmen Stimme. Beim sanften Song „Geborgenheit“ gesteht sie, dass es doch eher die kleinen Dinge sind, die wirklich zählen – und glücklich machen.

Zusammen mit ihrem Produzenten Tobias Bublat ist Pat Appleton ein absolut hörenswertes und abwechslungsreich instrumentiertes Album gelungen, das nicht nur Fans von Stefan Gwildis, Roger Cicero, Max Mutzke & Co ans Herz gelegt sei. Die Bahnfahrt ist übrigens noch lange nicht zu Ende – Verspätung seit Mannheim. Gut für mich, denn so kann ich mich zurücklehnen und noch ein wenig länger zuhören.