Meckern auf hohem Niveau: Pit Baumgartner präsentiert neues Projekt „Quicksand“

Preisfrage: Wie beschreibt man ein Album, das die Plattenfirma als „Next Door Pop“ klassifiziert? Zugegeben, so wirklich aussagekräftig ist diese Genrebezeichnung nicht. Das Album „Economic Poetry“ dafür um so mehr. Verantwortlich dafür zeichnet kein geringerer als Pit Baumgartner, seines Zeichens auch der Produzent von De-Phazz. Mit Quicksand hat der umtriebige Musiker nun sein nächstes Projekt in Angriff genommen. Und der typische Baumgartner-Sound, der mit warmen Harmonien, jazzigen Improvisationen und jeder Menge Grooves gewürzt ist, findet sich in jedem Song, jedem Refrain und jedem Takt wieder. Mit dabei: Ein ganzes Orchester von Piano bis Panflöte, von Tabla bis Trompete – Jazz-Gitarre, Mundharmonika und eingängige Bassläufe sowieso. Aber auch jede Menge perkussive Instrumente, die Songs wie „Say Good-Bye To Cinderella“ fast etwas weltmusikalisches verleihen, sind mit von der Partie.

Demnach überzeugt das musikalische Niveau des Albums voll und ganz, auch wenn ein wenig mehr Distanz zu den bisherigen De-Phazz-Produktionen sicher nicht geschadet hätte. Denn die Abwechslung fehlt. Nicht auf dem Longplayer selbst, denn jeder Song ist für einen anderen Tanzstil geeignet: Von „Mayday – Payday“ als Pasodoble bis hin zum groovenden „Love Antique“ als Slow Fox ist so ziemlich alles dabei, was die Parkettböden deutscher Tanzschulen zum Vibrieren bringt. Aber „Economic Poetry“ könnte auch gut als neues De-Phazz-Album durchgehen – und da hätte ein bisschen mehr Innovation gut getan. Definitiv reizvoll ist aber die zarte Stimme von Sandie Wollasch, die ein kleines Stück unter Kate Bush angesiedelt ist und die verschiedenen Tempi der Songs locker mitgehen kann.

Für Fans von Pit Baumgartners Sound ist „Economic Poetry“ sicher ein echtes Muss. Allen, die noch keine seiner Produktionen ihr Eigen nennen und dem ambitionierten Lounge-Sound des Albums nicht abgeneigt sind, haben ab 28. Januar 2011 die Chance, ihre Plattensammlung um das Genre „Next Door Pop“ zu erweitern.

I Wanna Play Guitar Like Jimmy Page: Anna F überzeugt mit ihrem ersten Debut-Album „…For Real“

Die gute Nachricht: Es gibt ihn noch! Ehrlichen Pop-Rock mit einfühlsamen Texten, schönen Gitarrenriffs und einer talentierten Singer-Songwriterin, die durch ihre Authentizität und ihren Charme gleichermaßen zu überzeugen weiß. Die Rede ist von Anna F. In ihrer Heimat Österreich ist die 25-jährige dank hoher Chartplatzierungen und verschiedener Musik-Auszeichnungen längst bekannt wie ein bunter Hund, hierzulande wartet sie noch auf den großen Durchbruch. Und der könnte schon recht bald kommen – denn am 14. Januar erscheint Anna Fs Debutalbum „…For Real“ auch bei uns.

Und das hat es in sich. Denn mit jedem neuen Song merkt man, dass hier nicht primär auf Quote oder maximale Chartplatzierung produziert wurde, sondern vielmehr Menschen mit Spaß und Talent am Werk waren. Gleich der zweite Song des Longplayers „Most Of All“ – übrigens auch die erste Single-Auskopplung – zeigt, dass Anna F nicht nur so tut als ob, sondern mit Slide-Gitarre, schnellen Wechseln zwischen lautem Refrain und leisen Strophen, rasselnder Snare-Drum und griffigen Power-Chords gleich in die Vollen geht.

Im Gegensatz dazu präsentiert sich „Fly“ als feinfühlige, fast schon zerbrechliche Ballade mit viel akustischer Gitarre und verträumtem Piano. Doch die Beschaulichkeit währt nur kurz, denn mit „Thank God I’m A Woman“ folgt wenige Minuten später ein echtes Rock-Brett, dessen Anfang leicht an Meredith Brooks „Bitch“ erinnert und das mit schreienden Gitarren-Soli und einem sehr eingängigen Refrain aufwartet. „Another Song“ erinnert dagegen eher an der Norwegerin Lene Marlin, aber auch Fans von Alanis Morissette dürften auf ihre Kosten kommen.

Bleibt die spannende Frage, was von Anna F in Zukunft zu hören sein wird. Vielleicht reicht es noch nicht ganz zum ersehnten Duett mit Alt-Rocker Jimmy Page, wie im gleichnamigen Song herbeigewünscht. Doch Anna F hat Talent und Potenzial. Let’s Groove!

 

Großes Kino für die Ohren: Jamie Cullum glänzt mit grandiosem Auftritt in Frankfurt

„Wie talentiert kann man eigentlich sein?“ fragten jüngst die Redakteure der Zeitschrift „GQ“ – und nominierten Jamie Cullum zum „Mann des Jahres“ in der Sparte Musik. Richtig so. Denn wenn der nur 1,64 große Brite zum Konzert einlädt, bleiben keine Fragen mehr offen. So geschehen am vergangenen Dienstag, den 14. Dezember 2010 in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Das Publikum zeigt sich gemischt. Viele junge Leute haben trotz Winter und Schnee den Weg nach Frankfurt-Höchst gefunden. Darunter sogar erwachsene Töchter, die sich bereitwillig von ihren Müttern begleiten lassen, aber auch ältere, eingefleischte Jazz-Fans oder Paare, bei denen die Kinder vermutlich schon längst aus dem Haus sind. Und: Es funktioniert! Die Stimmung ist klasse, noch bevor Jamie Cullum die Bühne überhaupt betreten hat. Sicherlich auch ein Verdienst der US-amerikanischen Sängerin Lauren Pritchard, die mit zwei Musikern die erste halbe Stunde bravourös bestreitet.

Um 21 Uhr geht es dann in die Vollen: Pünktlich auf die Minute kommen Jamie und seine Band auf die Bühne, der erste Song „I’m All Over It Now“ vom vorletzten Album „Catching Tales“ groovt die Menge auf die kommenden beiden Stunden ein. Während andere Künstler meist nur auf Tour gehen, um ihre neuesten Longplayer zu promoten, erweist sich die Set-Liste als Retrospektive eines ganzen Jahrzehnts Jamie Cullum. Dabei wechseln sich jazzige mit poppigen Songs ab, leise Balladen folgen auf laute Stücke – und sogar weihnachtliches ist dabei: Zwischen „If I Ruled The World“ vom aktuellen Album „The Pursuit“ und dem herrlich swingenden „Twentysomething“ überrascht der Mann am Klavier mit „Let It Snow“. Wenn er nicht gerade in die Tasten haut und seine Zuhörer mit perlenden, perfekt sitzenden Improvisationen verwöhnt, flitzt Jamie Cullum über die Bühne, steht am Mikro, auf dem Flügel an den Congas oder greift zur Gitarre. Kein leichter Job für die Fotografen, die der Heißsporn mächtig auf Trab hält. Gänsehaut-Feeling kommt auf, als der Multi-Instrumentalist die alte Jeff Buckley Nummer „Lover You Should Have Come Over“ und sein grandioses Mashup aus „Singin in The Rain“ und Rihannas „Umbrella“ ganz ohne Band alleine am Flügel zum Besten gibt. Ein besonderes Highlight kommt zum Schluss, denn beim Song „Mixtape“ sind alle im Publikum aufgefordert mit Kamera oder Handy zu filmen. Verwendet wird das entstandene Material im Rahmen der 3Sat-Sendung „Kulturzeit“. Die Menge tobt – und Jamie erhört ihren Ruf: Zwei Zugaben hat er dabei – „Wind Cries Mary“ von Jimi Hendrix – und den rührenden Titeltrack des Clint Eastwood-Films „Gran Torino“. Insgesamt ein Konzert, das für mich wirklich zu den absoluten Highlights des ausklingenden Jahres zählt. Wer Jamie noch nicht live gesehen hat, sollte es definitiv tun. Respekt, Mr. Cullum, come back soon!

Es weihnachtet schwer: Der rusty-pictures CD-Tipp zum Fest

Die Weihnachtszeit ist für Musikfreunde wahrlich kein Zuckerschlecken: “Last Christmas” und “Do They Know It’s Christmas Time” klettern in den Charts wieder gefährlich weit nach oben – und auf den Weihnachtsmärkten der Republik geben mäßig talentierte Blasorchester klassische Weihnachtslieder zum Besten, die sich klangmalerisch irgendwo zwischen Freejazz und ertrinkender Katze bewegen. Aber: Es gibt einen Ausweg! Denn da sind tatsächlich noch Künstler, die sich beharrlich weigern, zur Weihnachtszeit ein langweiliges “Best of” auf CD zu pressen. Statt dessen liefern sie ein astreines Album ab, mit dem man entweder seine Liebsten – oder aber sich selbst beschenken kann.

Einer dieser Künstler ist Paul Carrack. Der britische Sänger war früher eimal Frontmann der Pop-Band Mike & The Mechanics – ist aber seit vielen Jahren mit eigener Band und anderen spannenden Projekten unterwegs. Sein neuester Coup: Die CD „A Different Hat“, aufgenommen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Das zwölf Songs umfassende Album besticht durch grandios arrangierte Balladen mit warmen Streicherflächen, darunter Evergreens wie Randy Newmans „I Think It’s Going To Rain Today“ oder „Moon River“, aber auch Interpretationen eigener Songs wie „Eyes Of Blue“. Fein abgerundet wird die exquisite Zusammenstellung durch ein paar swingende Stücke im Big-Band Style. Hörenswert sind hier vor allem „All The Way“ und „I Don’t Know Enough About You“. Überraschend wandlungsfähig präsentiert sich Carrack mit seiner Stimme, die das opulente Klangwerk des Orchesters perfekt zu führen scheint. Dass „A Different Hat“ Mitte November erschienen ist, passt perfekt. Denn die Musik wirkt winterlich, streckenweise sogar fast weihnachtlich, jedoch ohne dabei den allgegenwärtigen Niveau-Limbo vieler seiner Kollegen mitzuspielen. Damit ist CD geradezu prädestiniert fürs Fest und bekommt von mir das Prädikat: “Für kalte Tage wärmstens zu empfehlen”!

Princess Charming: Fredrika Stahl zu Gast in der Frankfurter Brotfabrik

Ein nasskalter Abend, mitten im November – und noch dazu ein Montag. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Konzert, denn unter diesen Bedingungen bleiben die Meisten wohl doch lieber zuhause. Doch Fredrika Stahl scheint seit ihrem ersten Album an Bekanntheit gewonnen zu haben – und so kam es, dass die Schwedin vor ausverkauftem Haus auftreten konnte.

Trotz des großen Andrangs herrscht von Beginn an eine sehr intime Stimmung. Fast schon könnte man von heimeliger Club-Atmosphäre sprechen, denn Fredrika hat außer dem Flügel und ihrer Stimme nur den Pariser Gitarristen Rémy mit auf der Bühne. Los geht es mit einer Viertelstunde Verspätung und dem Titeltrack des kürzlich erschienenen Albums „Sweep Me Away“, einer sanften Ballade, gefolgt von Songs wie „Fast Moving Train“, „Rocket Trip To Mars“ oder „Fling On Boy“. Sie macht ihre Sache gut, die Bandbreite der Stimme reicht von messerscharf bis samtweich. Bei manchen Passagen wirkt sie zwar ein wenig unsicher und verschluckt die hohen Töne, doch das macht sie mit ihrem charmanten Augenaufschlag in Sekundenbruchteilen wieder wett. Überhaupt kokettiert sie zwischen den Liedern mit dem Bild des zarten, weiblichen Wesens und umgarnt ihr Publikum. Doch sie kann auch anders: Beim Refrain von „What If?“ singt sie laut und energisch, stampft mit dem Fuß auf und wechselt gekonnt zwischen Kopf- und Bruststimme – nur um in den Strophen wieder die leisen Töne ins Mikro zu hauchen.

Meist sitzt die Schwedin am Flügel, für ein paar der Songs steht sie jedoch zum Singen auf und überlässt die musikalische Untermalung dem Mann an der Gitarre, der sich maßvoll für die Protagonistin zurückzunehmen weiß – aber sicher noch ein wenig mehr gekonnt hätte. Zwischenfazit: Seit dem Studio-Album „Tributaries“ hat Fredrika zwar gesangtechnisch und musikalisch eine ganze Schippe draufgelegt – aber Luft nach oben bleibt dennoch. Und das geht auch absolut in Ordnung, denn so furchtbar lange ist die 25-jährige ja nun auch noch nicht im Geschäft.

Das Publikum indes ist begeistert. Erst nach drei Zugaben, darunter eine ganz spezielle Version von „Twinkle, Twinkle, Little Star“ und „Stuck On A Stranger“, lassen die Zuhörer applaustechnisch von der Künstlerin ab. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen schönen Abend – und die Erkenntnis, dass von Fredrika Stahl bestimmt noch viel (Gutes) zu hören sein wird.

Frisch gepresst: Brazilution macht mit coolem Bossa Nova den Schmuddel-Herbst erträglicher

Der goldene Oktober ist vorbei, jetzt hat uns der schmuddelige November mit miesem Wetter und Sturmtief voll im Griff. Und während es draußen stürmt und der Regen gegen die Fensterscheibe prasselt, was gibt es da schöneres, als sich ein paar warme Gedanken zu machen – und dabei in Erinnerungen an den zurückliegenden Sommer mit Urlaub am Strand und unter Palmen zu schwelgen?

Die richtige musikalische Untermalung fürs Kopfkino liefert die brandneue Doppel-CD „Brazilution – Música Electrónica Com Sabor Do Brasil“, erschienen beim Label Stereo Deluxe. Wem der Namen der Compilation irgendwie bekannt vorkommt: Richtig! Denn die CD stammt vom „Brazilectro“-Erfinder Arndt Kielstropp – und versprüht vom ersten Song an pure lateinamerikanische Lebensfreude. Mit dabei: Alte Bekannte wie Sängerin Bebel Gilberto oder Brasiliens musikalischer Grandseigneur Sergio Mendes, der auch schon mit den Black Eyed Peas und anderen angesagten Pop-Größen im Studio war. Und selbst Chillout-Produzent Sven van Hees hat sich auf der Compilation verewigt. Besonders hörenswert: „Paz“ von Trouble Man feat. Nina Miranda auf CD 1 und „Aguas de Março“ von Bossacucanova feat. Cris Delanno auf CD 2.

Doch das sind nur Ausschnitte, denn was zählt, sind nicht die einzelnen Songs, sondern deren Zusammenstellung auf den Tonträgern. Und bei insgesamt 28 Tracks ist definitiv für Abwechslung und feine Bossa Nova-Sounds gesorgt. Wenig tanzbar, aber dafür sehr entspannt. CD einlegen, Play-Taste drücken – schon rücken Zuckerhut, Caipirinha und der auf der Südhalbkugel gerade beginnende Sommer in greifbare Nähe!

Verlängertes Wochenende: Drei Tage beim Aalener Jazzfest 2010

Mein Wochenende auf der Ostalb beginnt am Freitag in der Aalener Stadthalle – pardon: vor der Stadthalle, denn die Parkplatzsuche gestaltet sich doch nicht ganz so entspannt, wie erwartet. Kein Wunder, steht an jenem Abend neben Jazz- und Latin-Gitarrist Peter Fessler auch das „enfant terrible“ der deutschen Entertainer-Szene Jan Delay zusammen mit seiner Band Disko No. 1 auf der Agenda. Ein Blick in die Halle zeigt: Ausverkauftes Haus, die Hälfte unbestuhlt. Also mitten in die Menge – und ab dafür!

Zuckerhut und Peitsche: Peter Fessler besticht mit lässiger Beständigkeit.

Über Peter Fessler wurde so manches geschrieben, seit er vor vielen Jahren mit der Pop-Combo Trio Rio den Hit „New York, Rio, Tokyo“ landen konnte.
Fakt ist: Allein seine Gitarre und seine Stimme reichen aus, um die Zuhörer mit lässigen oder gefühlvollen Latin-Rhythmen zu begeistern. Doch gegen das Gekreische und die Geschwätzigkeit des jungen Aalener Publikums, das hauptsächlich wegen Jan Delay gekommen ist, tut er sich schwer. Und das, obwohl er mit Percussionist Alfonso Garrido noch Unterstützung hat. Seinem Unmut darüber macht er zwar mehrfach Luft, doch vergebens. Leider – und das ist mein einziger Kritikpunkt – hat er musikalisch betrachtet wenig Neues im Gepäck. Schade.

“Was geht Leude?” Jan Delay und Disko No. 1 zwischen Soul, Dance und Hip-Hop

Kurz nach 19 Uhr entern Jan Delay und seine siebenköpfige Band Disko No. 1 nebst drei Sängerinnen die Bühne. Und gleich zu Beginn der erste Kracher: „Türlich, türlich“, das er gekonnt auf den Sound des alten Cameo-Songs „Word Up“ gebastelt hat. Der Text ist bekannt, der Song auch, die Mitgröl-Quote liegt nahe 100 Prozent. So weit so gut, die Stimmung ist schon jetzt absolut klasse. Zwar wirken die andauernden Sticheleien des Hip-Hoppers in Richtung des etablierten Jazzfest-Publikums ein wenig daneben, doch die Fans fühlen sich gut unterhalten.
Das Programm indes ist ein bunter Ritt querbeet durch den Pop-Gemüsegarten. Kleine Schlenker in Richtung Reggae mit „Vergiftet“ oder „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, aber auch in Richtung Funk und Soul mit Songs wie „Large“ oder „Showgeschäft“ sind dabei. Alles groovend, gut instrumentiert und absolut tanzbar – die langsamen Tracks hat Jan Delay an diesem Abend im Tourbus gelassen. Einzig die Stimme, die ja nicht unbedingt für ihre Deutlichkeit oder Variabilität bekannt ist, wirkt auf die Dauer ein wenig einseitig – doch das ist nichts, was den Musikgenuss wirklich trüben könnte. Nach ganzen vier Zugaben ist Schluss. Gut gebrüllt, Tiger!

Ramada-Hotel, die Erste: Jetzt wird’s groovy!

Soul und Funk – nur eine Spur konsequenter – das könnte das Motto für die Konzerte im Aalener Ramada-Hotel, der zweiten großen Spielstätte des Festivals, an diesem Freitag Abend gewesen sein. Mit Ola Onabule steht jedenfalls ein echter „Soul-Man“ samt Band auf der Bühne. Samtweiche Stimme, gepaart mit feinsten Songs – das kommt an und macht Lust auf mehr. Zum Beispiel auf Bibi Tanga & The Selenites, denn die vier Jungs und der Mann an Bass und Mikro drücken aufs Tempo: Extreme Bassläufe, kombiniert mit abgefahrenen Sounds und Vocals aus dem Sampler von Producer Le Professeur Inlassable sorgen für Stimmung und ein tanzendes Publikum. Allerdings müssen die fünf sich ein wenig sputen, denn es ist schon weit nach 0.30 Uhr und eigentlich sollten schon längst die Japaner von Soil & „Pimp“ Session spielen. Deshalb verabschiedet sich Bibi Tanga mit dem Soul-Klassiker „Get On Up“ – ein absolut gelungener Auftritt. Und dann wird’s freaky, denn alle Japan-Klischees sind erfüllt, als die selbsternannten „Death-Jazzer“ von Soil & „Pimp“ Session einmarschieren: Verranzte Klamotten, Lack-Sneaker, Goldkettchen, Sonnenbrillen und Kopfbedeckungen nach dem Motto „Dreißigjähriger Krieg trifft Techno-Party“. Das Publikum wartet gespannt, was von dieser vermeintlichen Freakshow zu erwarten ist – und wird überrascht, denn der Sound ist gleichermaßen expressiv, rastlos und energiegeladen, hat aber auch etwas Skurriles an sich, vor allem, wenn sich die völlig entkräfteten Musiker nach ihren ausdauernden Soli mit Sauerstoff aus der Maske regenerieren. Nicht unerwähnt bleiben darf „Agitator“ Shacho, der zwar weder an einem Instrument noch am Mikrofon in Erscheinung tritt, aber trotzdem mitwippend und animierend auf der Bühne präsent ist. Eine einmalige Performance und für mich die Entdeckung des gesamten Festivals, auch wenn am Schluss Musiker und Publikum fix und alle sind.

And the Beat goes on: Die Stadthalle am Samstag Abend

Nach einer sehr inspirierenden und anekdotenreichen Lesung aus der Biografie des Stuttgarter Jazzpiano-Urgesteins Wolfgang Dauner, die schon am Nachmittag stattgefunden hatte, steht als erster Programmpunkt wieder die Stadthalle auf dem Spielplan. Den Anfang macht die Aalener Musikschule – zwar definitiv als Ersatzprogramm für den ausgefallenen Gig von Jamie Cullum, aber mit Sicherheit nicht die schlechteste Alterative. Das Highlight des Abends beginnt jedoch um 19 Uhr: Die SWR Big Band zusammen mit Ex Mike & The Mechanics Sänger Paul Carrack. Und auch der Hauptact des zweiten Festival-Tages betritt in Anzug – und wie Jan Delay mit Hut – die Bühne, wenngleich auch in etwas gedeckteren Farben.

Die Band begeistert wie eh und je mit großartigen Arrangements, grandiosen Soli und einger gehörigen Portion Swing. Paul Carrack komplettiert mit seiner einfühlsamen, markanten Stimme den musikalischen Gesamteindruck. Auf der Setliste stehen neben klassischen Jazz- und Big Band-Songs wie „Sunny Afternoon“, Van Morrissons „Moondance“ oder Sammy Nesticos „King Porter Stomp“ auch Lieder von Carracks neuem Album. Und natürlich dürfen ein paar der alten Hits nicht fehlen. Aus „Another Cup Of Coffee“ wird eine fetzige Latin-Version, für die Ballade „The Living Years“ setzt sich der Engländer selbst an den Flügel – und die Band hat Pause.

Ramada-Hotel, die Zweite – oder: weniger ist mehr!

Kaum ist der letzte Ton in der Stadthalle verklungen (als Zugabe folgt „I’ve Got You Under My Skin“), ruft der finnische Pianist Iiro Rantala ins Ramada-Hotel, der sein Publikum in der Piano-Bar mit üppigen und klangvollen Arrangements begeistert. Überhaupt stehen an diesem Abend mit Ulf Wakenius und der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah oder Gitarrist Allan Holdsworth viele Konzerte auf dem Plan, bei denen nur ein paar Musiker auf der Bühne stehen. Letzterer zaubert mit seinem Instrument, nur von Bass und Schlagzeug begleitet, rockige, fast schon fusionartige Riffs und sphärische Flächensounds, so dass manch einer schon verdutzt nach dem Typ mit dem Synthesizer auf der Bühne Ausschau hält.

Die „große Bühne“ im Ramada gehört zu Beginn des Abends Christian Scott & Band. Während der junge Trompeter aus New Orleans mit großer Spielfreude und tollen Soli überzeugt – und immer auch seine Mitmusiker Solo-technisch zu Wort kommen lässt ist der zweite Act eine kleine Enttäuschung: Denn von Musikern wie Mike Mainieri oder Steve Gadd mit ihrer Band „L’Image“ hatte ich mir mehr versprochen. Zwar sind die Songs gut gemacht und phasenweise echt rockig, wirken aber insgesamt ein wenig blutleer. Nebenan in der Limes-Therme spielen parallel die Heavytones, die Band aus Stefan Raabs „TV Total“ unter dem Motto „Pack die Badehose aus“. Doch leider kommt die Nachricht, dass man dem Konzert auch mit Überziehschuhen lauschen darf, ein wenig spät. Zu spät für mich. Den letzten Auftritt im Ramada bestreitet an diesem Abend Christian Prommer mit seinem Projekt „Drumlesson“. Zusammen mit seiner Band webt er zwar ein sehr präzises Netz aus perkussiven, treibenden Sounds, gespickt mit Samples, Techno- und Drum & Bass-Elementen, die Prommer aus dem Rechner holt und gekonnt verzerrt und verfremdet. Doch auch hier fehlt irgendwie das Highlight, das Besondere. Zweifelsohne ist der Auftritt nett anzuhören, aber zur späten Stunde hätte ich mir etwas mehr Pfiff und Abwechslung gewünscht.

Die eigentliche Drumlesson folgt am Sonntag Vormittag – könnte man meinen. Denn der leer geräumte Aalener Weinladen „Weinmusketier“ platzt aus allen Nähten, als Drummer Omar Hakim und seine Band die kleine Bühne betreten.  Zwar mit einer halben Stunde Verzögerung, aber dafür bestens gelaunt und mit genug Rhythmus im Blut um auch den letzten Zuhörer mitzureißen, gehen Hakim und seine Freunde ans Werk. Dabei spielt er Songs wie „Carpe Diem“ aus seinem aktuellen Alben, knüpft aber musikalisch auch an die alten „Weather Report“-Zeiten an.
Atemberaubende, furiose, minutenlange Soli in fast jedem Stück, raffinierte Tempowechsel und eine grandios zusammen-arbeitende Band zeigen: Die Jungs haben richtig viel Spaß – und das Publikum ist mehr als begeistert. Doch es geht noch weiter, denn der Mann am Schlagzeug steht auf, singt, klatscht und trommelt nur in Begleitung seines Keyboarders, um sich gleich danach wieder die Sticks zu schnappen und einen neuen Groove anzuspielen. Ein ausgezeichnetes Konzert mit Überlänge, das die Zeit vergessen lässt.

Fast zumindest. Denn schon vibriert das Handy: Noch eine halbe Stunde bis der Zug fährt. Just in time komme ich am Bahnhof an, der Zug fährt los. Hinter mir ein tolles Festival-Wochenende mit vielen neuen Eindrücken, zwei Speicherkarten voller Fotos – und jeder Menge Musik im Ohr…