Archiv der Kategorie: Fotografie

Looking Back: Paul Carrack rockt den Frankfurter Hof

Nein. Beweisen muss der Mann wirklich niemandem mehr irgendwas. Dafür ist er schon zu lange im Musikgeschäft – und dafür hat er wirklich genügend Hits oder Gelegenheiten gehabt, auf sich und sein Talent aufmerksam zu machen. Paul Carrack geht aber trotzdem auf Tour. Und das ausgiebig, regelmäßig und mit viel Leidenschaft. Warum? Weil es ihm richtig viel Spaß bringt. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau das merkt man auch.

Doch von Anfang an. Denn den Einstieg macht Lisbee Stainton. Junge 22 Jahre alt, steht sie ganz alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne. Das Mainzer Publikum weiß sie zu Beginn noch nicht so recht einzuordnen, doch das gibt sich schnell. Denn mit Lockenkopf, Charme und viel Talent führt die britische Singer-Songwriterin gekonnt durch die ersten vierzig Minuten des Abends und gewinnt die Sympathie der Zuhörerinnen und Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken. Unaufgeregt, souverän, ja fast schon entspannt, überzeugt sie durch ihr sehr perkussives Gitarrenspiel, ohne dabei wie ein Abklatsch zu Milow oder dessen musikalischem Klon Mads Langer zu wirken. Die Songs stammen vom aktuellen Album „Girl On An Unmade Bed“.

Dann schlägt die Stunde der „Rocker“ – zumindest hört man sie schon laut neben der Bühne lärmen, noch bevor das Konzert richtig starten konnte. Und Paul Carrack gibt sich keine Blöße: Eben noch ein balladeverliebtes Album mit dem Royal Philharmonic Orchestra eingespielt, dann schnell ein paar Auftritte als Sänger zusammen mit der grandiosen SWR Big Band – und jetzt bringen er und seine vier „Jungs“ in Mainz als klassische Rock-Formation das Haus zum Kochen. Zugegeben – richtiger Hard-Rock klingt ein klein wenig anders, aber der gitarrenlastige Sound und die Arrangements weisen in eine eindeutige Richtung. Von Anfang an hat sich Paul Carrack selbst die E-Gitarre umgeschnallt, wechselt zwischendurch auf die akustische Version, weiter ans Keyboard und die Orgel – um schon beim nächsten Stück wieder die Saiten zu quälen. Die Augen fast immer fest zugekniffen, treibt er die Songs mit seiner markanten Stimme vorwärts. Kein Wunder, ist die Setliste mit 16 Songs plus Zugabe zum Bersten gefüllt. Und trotzdem ist er jederzeit Herr der Lage, zu keiner Zeit entsteht der Eindruck, dass sich irgendwer beeilen würde. Und das Publikum? Hängt an seinen Lippen. Fast alle Lieder sind bekannt, bei den großen Hits wie „Silent Running “, „Another Cup Of Coffee“ oder „How Long“ singt der ganze Saal.

Dass Paul Carrack es aber nicht nur mit dem Komponieren, Arrangieren und Singen richtig drauf hat, beweist er während der groovenden Nummer „Better Than Nothing“: Schlappe drei Soli haut der Brite hintereinander raus – auf drei verschiedenen Instrumenten versteht sich. Danach verlangsamt sich das Tempo der Songs wieder ein wenig, mit „The Living Years“ und „Love Will Keep Us Allive“ wird es schmusiger.

Am Ende – und darauf haben alle gewartet – gibt Paul Carrack mit „Looking Back (Over My Shoulder“ seinen wohl größten Hit zum Besten. Und das wird honoriert, denn das ganze Haus singt, klatscht und tanzt von der ersten bis zur letzten Reihe – besser könnte die Stimmung nicht sein – und besser könnte ein solches Konzert nicht enden. Noch auf dem Weg zum Parkhaus hört man die gepfiffene Melodie im unfreiwilligen Kanon – es scheint gefallen zu haben. Und mir auch.

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Dienstag Nacht in Frankfurt: Pianist Ludovico Einaudi macht auf der „Nightbook“-Tour in der Alten Oper Frankfurt Station

Meine erste „Begegnung“ mit Ludovico Einaudi war nicht unbedingt von großer Musikalität oder hohen Emotionen geprägt. Vielmehr schallte er mir von den Deckenlautsprechern der CD-Abteilung eines Elektronik-Marktes entgegen und schien dabei in einem Meer von Stimmengewirr, Telefonklingeln und den Schreien Minderjähriger beim Konsolenspielen unterzugehen. Am Abend des 29. März ist aber all der Lärm und all der hektische Alltag ausgeblendet – Entschleunigung ist angesagt. Und obwohl sich weit über 1.000 Menschen in der Alten Oper eingefunden haben, erinnert die Szenerie eher einen Ozean der Stille. Keine Telefone, keine eingehenden E-Mails, keine nervigen Handyfilmer oder Kompaktkamera-Blitzer. Nur Ruhe. Und Klavier. Ludovico Einaudi trägt einen dunklen Anzug, ist ganz alleine auf der großen Bühne, sitzt vorgebeugt am Flügel, wiegt sich im Takt. Note um Note wirft er die Töne wie Kieselsteine in das stille Wasser, lässt sie wirken, ihre Kreise ziehen. Das Publikum lauscht andächtig.

Und während der Mann am Klavier seine reduzierten, streckenweise minimalistischen Kompositionen aneinander reiht, fängt das Kopfkino an. Denn auf der Bühne passiert nicht viel. Manch einer verfolgt das Konzert sogar mit geschlossenen Augen. Die Gedanken schweifen. Ludovico Einaudi liefert den perfekten Soundtrack dafür, das große Haus der Alten Oper die perfekte Kulisse. Freilich: Die Musik und ihre Akkordfolgen sind nicht überkomplex oder fordern den Zuhörern höchste Konzentration ab, selten scheinen die Arrangements sogar an der Grenze zum Seichten. Aber genau das macht den Reiz aus, denn irgendwie schafft es der Künstler, das Publikum mit seinem Mix aus klassischen Melodien, Filmmusik und subtilen Pop-Anleihen zu fesseln.

Nur zweimal unterbricht Ludovico Einaudi sein Spiel und erzählt, dass ihm ein Traum die Inspiration für die Musik seines jüngsten Projektes „Nightbook“ gab. Ein Traum, der ihn in eine dunkle Nacht früher Kindheitstage zurückreisen ließ. Dass die Songs alle ein wenig an Dämmerung, sternenklaren Himmel oder in sanftes Mondlicht getränkte Landschaften erinnern, ist nicht zu leugnen. Und auch das passt wieder zur Stille im Konzertsaal, auch das gibt neuen Stoff für den imaginären Film im Kopf. Einaudi schließt den Kreis.

Nach 80 Minuten lässt sich der Pianist vom begeisterten Publikum erneut auf die Bühne bitten. Unter den Zugaben ist auch das bekannte „I Giorni“, Titelsong des gleichnamigen und jüngst erschienenen Albums. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen gelungenen Abend – und die Erfahrung, dass man auch im Elektronik-Fachhandel auf die ein oder andere musikalische Perle stoßen kann.

 

Nachgelegt: Lizz Wright gastiert in Mainz

Bloggen lebt ja eigentlich von der Aktualität. Eigentlich. Das Konzert von Lizz Wright in Mainz ist aber schon ein paar Tage Vergangenheit, deshalb ist es ausnahmsweise mal mit der Aktualität nicht ganz so weit her. Nichts desto trotz ein kurzer Bericht – also los!


Gospel und Soul sind zwar allseits bekannte – und von R&B bis Hip-Hop gern zitierte Musikstile – aber in ihrer Reinform doch eher selten geworden. Mal abgesehen von den Gospel-Chören, die sich hierzulande bevorzugt um die Weihnachtszeit und natürlich immer im Namen des Herrn die Taschen mit immergleichem Liedgut die Taschen füllen. Doch da hat die US-Amerikanerin schon einen anderen Anspruch, gottseidank!


Das Konzert im Frankfurter Hof startet mit kurzer Verspätung, der Saal ist prall gefüllt. Kein Keyboard oder Synth, dafür aber zwei Gitarren, Bass und ein Drumset stehen auf der Bühne. Gospel-Songs ohne den typischen Orgel-Sound? Klar, dass ein paar piano- oder eben orgellastige Songs des aktuellen Albums „Fellowship“ nicht mit auf der Setliste stehen. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, denn die Jungs an den Gitarren entlocken ihren Instrumenten eine große Bandbreite an Sounds: Ob akustisch gezupft, Aufgeladen mit Effekten oder Gezogen mit dem Slide. Herrlich! Lizz Wright steht auf der Bühne. Barfuß. Weißes Kleid mit schwarzer Stola. Die Augen geschlossen, ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Und dann singt sie die ersten Zeilen ihres Songs „Old Man“. Bluesig. Soulig. Voller Gefühl. Und nimmt ihr Publikum dabei mit auf eine musikalische Reise durch die amerikanischen Südstaaten. Mal geht es in schnellen Schritten voran, mal scheint die Sängerin still zu stehen und innezuhalten. Und diese Abwechslung tut gut, die vierzehn Songs inklusive eines schönen Gospel-Medleys als Zugabe vergehen wie im Flug.

Tonight: Jazz Today – Lisa Bassenge und Jacky Terrasson im Frankfurter Hof

Der Abend des 19. Februar im Frankfurter Hof zeigte sich kontrastreich: Die erste Hälfte bestritt die Berlinerin Lisa Bassenge mit ihrer Band „Katapult“, nach kurzer Pause folgte der – ebenfalls in Berlin geborene – Pianist Jacky Terrasson mit seinem Trio. Zweimal Jazz – und doch zwei grundverschiedene Ansätze.

Lisa Bassenge, die gerade ihr neues Album „Nur Fort“ vorgestellt hat, präsentiert den Jazz auf der Bühne abwechslungsreich und von einer poppig-bunten und federleichten Seite – der oft genauso wirkt wie die überdimensionalen Luftballons, die es als bekanntes Motiv vom Cover-Foto mit auf die Bühne geschafft haben. Von arabesken Melodien über rockige Nummern bis hin zu leichtem Swing ist für jeden etwas dabei – solide instrumentiert von der vierköpfigen Band, gewürzt mit ordentlichen Solo-Darbietungen. Besonders Gitarrist Christian Kögel gefällt mit seiner Spielfreude und seinen Improvisationen. Das Besondere an diesem Abend sind die vielen deutschen Texte von Songs wie „In dieser Stadt“ oder „17 Millimeter fehlen“ von Hildegard Knef. Aber auch der von Joachim Witt zu besten NDW-Zeiten getextete Song „Kosmetik“ oder die lyrische Element Of Crime-Ballade „Seit der Himmel“ kommen beim Publikum an. Zwischenfazit: Grundsolide und gut gemacht, aber in wenigen Momenten auch hart an der Grenze zum Seichten. Und dass Lisa Bassenge bei zwei Songs den Text kurz vergisst ist schade, aber nicht weiter tragisch.

Ganz anders hat Jacky Terrasson den Jazz für sich definiert. Sein Konzert ist bester, typischer Trio-Jazz – und doch wieder nicht. Dass Songs auch mal 20 Minuten dauern, Michael Jacksons „Beat It“ mit dem „Harry Potter Theme“ zu einer neuen Version von „Body And Soul“ gekreuzt werden und zwischendurch noch „Somewhere Over The Rainbow“ einfließt, zeugt von der enormen Experimentierfreude der drei Musiker. Alle sind im Niveau ebenbürtig, jeder kann die musikalischen Fragen der anderen perfekt parieren. Terrasson selbst setzt gerne und bewusst Dissonanzen ein um neue Klangkonstrukte zu schaffen, wirkt perfektionistisch, verbissen, dann wieder ein bisschen freaky, streckenweise leicht narzisstisch. Aber: Mit seinen Arrangements gewinnt er sogar Songs wie dem guten alten Jazz-Standard „Caravan“ noch ein paar neue Seiten ab. Große Kunst, die zu recht mit tosendem (Szenen-)Applaus vom ausverkauften Frankfurter Hof honoriert wird.

Zum Schluss kommen auch Lisa Bassenge und Band noch einmal zurück auf die Bühne, um zusammen mit Jacky Terrasson das Cover „Use Me“, im Original von Bill Withers, zu performen. Leider relativiert Lisa Bassenge den vorher hinterlassenen, guten Eindruck. Nicht unbedingt, weil sie wieder beim Text patzt, sondern – viel unangenehmer – weil sie viel zu nervös wirkt und fast nur schrille Töne auf das Publikum niederprasseln. Schade, denn musikalisch war auch diese Zugabe ein echter Leckerbissen.

 

Großes Kino für die Ohren: Jamie Cullum glänzt mit grandiosem Auftritt in Frankfurt

„Wie talentiert kann man eigentlich sein?“ fragten jüngst die Redakteure der Zeitschrift „GQ“ – und nominierten Jamie Cullum zum „Mann des Jahres“ in der Sparte Musik. Richtig so. Denn wenn der nur 1,64 große Brite zum Konzert einlädt, bleiben keine Fragen mehr offen. So geschehen am vergangenen Dienstag, den 14. Dezember 2010 in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Das Publikum zeigt sich gemischt. Viele junge Leute haben trotz Winter und Schnee den Weg nach Frankfurt-Höchst gefunden. Darunter sogar erwachsene Töchter, die sich bereitwillig von ihren Müttern begleiten lassen, aber auch ältere, eingefleischte Jazz-Fans oder Paare, bei denen die Kinder vermutlich schon längst aus dem Haus sind. Und: Es funktioniert! Die Stimmung ist klasse, noch bevor Jamie Cullum die Bühne überhaupt betreten hat. Sicherlich auch ein Verdienst der US-amerikanischen Sängerin Lauren Pritchard, die mit zwei Musikern die erste halbe Stunde bravourös bestreitet.

Um 21 Uhr geht es dann in die Vollen: Pünktlich auf die Minute kommen Jamie und seine Band auf die Bühne, der erste Song „I’m All Over It Now“ vom vorletzten Album „Catching Tales“ groovt die Menge auf die kommenden beiden Stunden ein. Während andere Künstler meist nur auf Tour gehen, um ihre neuesten Longplayer zu promoten, erweist sich die Set-Liste als Retrospektive eines ganzen Jahrzehnts Jamie Cullum. Dabei wechseln sich jazzige mit poppigen Songs ab, leise Balladen folgen auf laute Stücke – und sogar weihnachtliches ist dabei: Zwischen „If I Ruled The World“ vom aktuellen Album „The Pursuit“ und dem herrlich swingenden „Twentysomething“ überrascht der Mann am Klavier mit „Let It Snow“. Wenn er nicht gerade in die Tasten haut und seine Zuhörer mit perlenden, perfekt sitzenden Improvisationen verwöhnt, flitzt Jamie Cullum über die Bühne, steht am Mikro, auf dem Flügel an den Congas oder greift zur Gitarre. Kein leichter Job für die Fotografen, die der Heißsporn mächtig auf Trab hält. Gänsehaut-Feeling kommt auf, als der Multi-Instrumentalist die alte Jeff Buckley Nummer „Lover You Should Have Come Over“ und sein grandioses Mashup aus „Singin in The Rain“ und Rihannas „Umbrella“ ganz ohne Band alleine am Flügel zum Besten gibt. Ein besonderes Highlight kommt zum Schluss, denn beim Song „Mixtape“ sind alle im Publikum aufgefordert mit Kamera oder Handy zu filmen. Verwendet wird das entstandene Material im Rahmen der 3Sat-Sendung „Kulturzeit“. Die Menge tobt – und Jamie erhört ihren Ruf: Zwei Zugaben hat er dabei – „Wind Cries Mary“ von Jimi Hendrix – und den rührenden Titeltrack des Clint Eastwood-Films „Gran Torino“. Insgesamt ein Konzert, das für mich wirklich zu den absoluten Highlights des ausklingenden Jahres zählt. Wer Jamie noch nicht live gesehen hat, sollte es definitiv tun. Respekt, Mr. Cullum, come back soon!

Princess Charming: Fredrika Stahl zu Gast in der Frankfurter Brotfabrik

Ein nasskalter Abend, mitten im November – und noch dazu ein Montag. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Konzert, denn unter diesen Bedingungen bleiben die Meisten wohl doch lieber zuhause. Doch Fredrika Stahl scheint seit ihrem ersten Album an Bekanntheit gewonnen zu haben – und so kam es, dass die Schwedin vor ausverkauftem Haus auftreten konnte.

Trotz des großen Andrangs herrscht von Beginn an eine sehr intime Stimmung. Fast schon könnte man von heimeliger Club-Atmosphäre sprechen, denn Fredrika hat außer dem Flügel und ihrer Stimme nur den Pariser Gitarristen Rémy mit auf der Bühne. Los geht es mit einer Viertelstunde Verspätung und dem Titeltrack des kürzlich erschienenen Albums „Sweep Me Away“, einer sanften Ballade, gefolgt von Songs wie „Fast Moving Train“, „Rocket Trip To Mars“ oder „Fling On Boy“. Sie macht ihre Sache gut, die Bandbreite der Stimme reicht von messerscharf bis samtweich. Bei manchen Passagen wirkt sie zwar ein wenig unsicher und verschluckt die hohen Töne, doch das macht sie mit ihrem charmanten Augenaufschlag in Sekundenbruchteilen wieder wett. Überhaupt kokettiert sie zwischen den Liedern mit dem Bild des zarten, weiblichen Wesens und umgarnt ihr Publikum. Doch sie kann auch anders: Beim Refrain von „What If?“ singt sie laut und energisch, stampft mit dem Fuß auf und wechselt gekonnt zwischen Kopf- und Bruststimme – nur um in den Strophen wieder die leisen Töne ins Mikro zu hauchen.

Meist sitzt die Schwedin am Flügel, für ein paar der Songs steht sie jedoch zum Singen auf und überlässt die musikalische Untermalung dem Mann an der Gitarre, der sich maßvoll für die Protagonistin zurückzunehmen weiß – aber sicher noch ein wenig mehr gekonnt hätte. Zwischenfazit: Seit dem Studio-Album „Tributaries“ hat Fredrika zwar gesangtechnisch und musikalisch eine ganze Schippe draufgelegt – aber Luft nach oben bleibt dennoch. Und das geht auch absolut in Ordnung, denn so furchtbar lange ist die 25-jährige ja nun auch noch nicht im Geschäft.

Das Publikum indes ist begeistert. Erst nach drei Zugaben, darunter eine ganz spezielle Version von „Twinkle, Twinkle, Little Star“ und „Stuck On A Stranger“, lassen die Zuhörer applaustechnisch von der Künstlerin ab. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen schönen Abend – und die Erkenntnis, dass von Fredrika Stahl bestimmt noch viel (Gutes) zu hören sein wird.

Verlängertes Wochenende: Drei Tage beim Aalener Jazzfest 2010

Mein Wochenende auf der Ostalb beginnt am Freitag in der Aalener Stadthalle – pardon: vor der Stadthalle, denn die Parkplatzsuche gestaltet sich doch nicht ganz so entspannt, wie erwartet. Kein Wunder, steht an jenem Abend neben Jazz- und Latin-Gitarrist Peter Fessler auch das „enfant terrible“ der deutschen Entertainer-Szene Jan Delay zusammen mit seiner Band Disko No. 1 auf der Agenda. Ein Blick in die Halle zeigt: Ausverkauftes Haus, die Hälfte unbestuhlt. Also mitten in die Menge – und ab dafür!

Zuckerhut und Peitsche: Peter Fessler besticht mit lässiger Beständigkeit.

Über Peter Fessler wurde so manches geschrieben, seit er vor vielen Jahren mit der Pop-Combo Trio Rio den Hit „New York, Rio, Tokyo“ landen konnte.
Fakt ist: Allein seine Gitarre und seine Stimme reichen aus, um die Zuhörer mit lässigen oder gefühlvollen Latin-Rhythmen zu begeistern. Doch gegen das Gekreische und die Geschwätzigkeit des jungen Aalener Publikums, das hauptsächlich wegen Jan Delay gekommen ist, tut er sich schwer. Und das, obwohl er mit Percussionist Alfonso Garrido noch Unterstützung hat. Seinem Unmut darüber macht er zwar mehrfach Luft, doch vergebens. Leider – und das ist mein einziger Kritikpunkt – hat er musikalisch betrachtet wenig Neues im Gepäck. Schade.

„Was geht Leude?“ Jan Delay und Disko No. 1 zwischen Soul, Dance und Hip-Hop

Kurz nach 19 Uhr entern Jan Delay und seine siebenköpfige Band Disko No. 1 nebst drei Sängerinnen die Bühne. Und gleich zu Beginn der erste Kracher: „Türlich, türlich“, das er gekonnt auf den Sound des alten Cameo-Songs „Word Up“ gebastelt hat. Der Text ist bekannt, der Song auch, die Mitgröl-Quote liegt nahe 100 Prozent. So weit so gut, die Stimmung ist schon jetzt absolut klasse. Zwar wirken die andauernden Sticheleien des Hip-Hoppers in Richtung des etablierten Jazzfest-Publikums ein wenig daneben, doch die Fans fühlen sich gut unterhalten.
Das Programm indes ist ein bunter Ritt querbeet durch den Pop-Gemüsegarten. Kleine Schlenker in Richtung Reggae mit „Vergiftet“ oder „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, aber auch in Richtung Funk und Soul mit Songs wie „Large“ oder „Showgeschäft“ sind dabei. Alles groovend, gut instrumentiert und absolut tanzbar – die langsamen Tracks hat Jan Delay an diesem Abend im Tourbus gelassen. Einzig die Stimme, die ja nicht unbedingt für ihre Deutlichkeit oder Variabilität bekannt ist, wirkt auf die Dauer ein wenig einseitig – doch das ist nichts, was den Musikgenuss wirklich trüben könnte. Nach ganzen vier Zugaben ist Schluss. Gut gebrüllt, Tiger!

Ramada-Hotel, die Erste: Jetzt wird’s groovy!

Soul und Funk – nur eine Spur konsequenter – das könnte das Motto für die Konzerte im Aalener Ramada-Hotel, der zweiten großen Spielstätte des Festivals, an diesem Freitag Abend gewesen sein. Mit Ola Onabule steht jedenfalls ein echter „Soul-Man“ samt Band auf der Bühne. Samtweiche Stimme, gepaart mit feinsten Songs – das kommt an und macht Lust auf mehr. Zum Beispiel auf Bibi Tanga & The Selenites, denn die vier Jungs und der Mann an Bass und Mikro drücken aufs Tempo: Extreme Bassläufe, kombiniert mit abgefahrenen Sounds und Vocals aus dem Sampler von Producer Le Professeur Inlassable sorgen für Stimmung und ein tanzendes Publikum. Allerdings müssen die fünf sich ein wenig sputen, denn es ist schon weit nach 0.30 Uhr und eigentlich sollten schon längst die Japaner von Soil & „Pimp“ Session spielen. Deshalb verabschiedet sich Bibi Tanga mit dem Soul-Klassiker „Get On Up“ – ein absolut gelungener Auftritt. Und dann wird’s freaky, denn alle Japan-Klischees sind erfüllt, als die selbsternannten „Death-Jazzer“ von Soil & „Pimp“ Session einmarschieren: Verranzte Klamotten, Lack-Sneaker, Goldkettchen, Sonnenbrillen und Kopfbedeckungen nach dem Motto „Dreißigjähriger Krieg trifft Techno-Party“. Das Publikum wartet gespannt, was von dieser vermeintlichen Freakshow zu erwarten ist – und wird überrascht, denn der Sound ist gleichermaßen expressiv, rastlos und energiegeladen, hat aber auch etwas Skurriles an sich, vor allem, wenn sich die völlig entkräfteten Musiker nach ihren ausdauernden Soli mit Sauerstoff aus der Maske regenerieren. Nicht unerwähnt bleiben darf „Agitator“ Shacho, der zwar weder an einem Instrument noch am Mikrofon in Erscheinung tritt, aber trotzdem mitwippend und animierend auf der Bühne präsent ist. Eine einmalige Performance und für mich die Entdeckung des gesamten Festivals, auch wenn am Schluss Musiker und Publikum fix und alle sind.

And the Beat goes on: Die Stadthalle am Samstag Abend

Nach einer sehr inspirierenden und anekdotenreichen Lesung aus der Biografie des Stuttgarter Jazzpiano-Urgesteins Wolfgang Dauner, die schon am Nachmittag stattgefunden hatte, steht als erster Programmpunkt wieder die Stadthalle auf dem Spielplan. Den Anfang macht die Aalener Musikschule – zwar definitiv als Ersatzprogramm für den ausgefallenen Gig von Jamie Cullum, aber mit Sicherheit nicht die schlechteste Alterative. Das Highlight des Abends beginnt jedoch um 19 Uhr: Die SWR Big Band zusammen mit Ex Mike & The Mechanics Sänger Paul Carrack. Und auch der Hauptact des zweiten Festival-Tages betritt in Anzug – und wie Jan Delay mit Hut – die Bühne, wenngleich auch in etwas gedeckteren Farben.

Die Band begeistert wie eh und je mit großartigen Arrangements, grandiosen Soli und einger gehörigen Portion Swing. Paul Carrack komplettiert mit seiner einfühlsamen, markanten Stimme den musikalischen Gesamteindruck. Auf der Setliste stehen neben klassischen Jazz- und Big Band-Songs wie „Sunny Afternoon“, Van Morrissons „Moondance“ oder Sammy Nesticos „King Porter Stomp“ auch Lieder von Carracks neuem Album. Und natürlich dürfen ein paar der alten Hits nicht fehlen. Aus „Another Cup Of Coffee“ wird eine fetzige Latin-Version, für die Ballade „The Living Years“ setzt sich der Engländer selbst an den Flügel – und die Band hat Pause.

Ramada-Hotel, die Zweite – oder: weniger ist mehr!

Kaum ist der letzte Ton in der Stadthalle verklungen (als Zugabe folgt „I’ve Got You Under My Skin“), ruft der finnische Pianist Iiro Rantala ins Ramada-Hotel, der sein Publikum in der Piano-Bar mit üppigen und klangvollen Arrangements begeistert. Überhaupt stehen an diesem Abend mit Ulf Wakenius und der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah oder Gitarrist Allan Holdsworth viele Konzerte auf dem Plan, bei denen nur ein paar Musiker auf der Bühne stehen. Letzterer zaubert mit seinem Instrument, nur von Bass und Schlagzeug begleitet, rockige, fast schon fusionartige Riffs und sphärische Flächensounds, so dass manch einer schon verdutzt nach dem Typ mit dem Synthesizer auf der Bühne Ausschau hält.

Die „große Bühne“ im Ramada gehört zu Beginn des Abends Christian Scott & Band. Während der junge Trompeter aus New Orleans mit großer Spielfreude und tollen Soli überzeugt – und immer auch seine Mitmusiker Solo-technisch zu Wort kommen lässt ist der zweite Act eine kleine Enttäuschung: Denn von Musikern wie Mike Mainieri oder Steve Gadd mit ihrer Band „L’Image“ hatte ich mir mehr versprochen. Zwar sind die Songs gut gemacht und phasenweise echt rockig, wirken aber insgesamt ein wenig blutleer. Nebenan in der Limes-Therme spielen parallel die Heavytones, die Band aus Stefan Raabs „TV Total“ unter dem Motto „Pack die Badehose aus“. Doch leider kommt die Nachricht, dass man dem Konzert auch mit Überziehschuhen lauschen darf, ein wenig spät. Zu spät für mich. Den letzten Auftritt im Ramada bestreitet an diesem Abend Christian Prommer mit seinem Projekt „Drumlesson“. Zusammen mit seiner Band webt er zwar ein sehr präzises Netz aus perkussiven, treibenden Sounds, gespickt mit Samples, Techno- und Drum & Bass-Elementen, die Prommer aus dem Rechner holt und gekonnt verzerrt und verfremdet. Doch auch hier fehlt irgendwie das Highlight, das Besondere. Zweifelsohne ist der Auftritt nett anzuhören, aber zur späten Stunde hätte ich mir etwas mehr Pfiff und Abwechslung gewünscht.

Die eigentliche Drumlesson folgt am Sonntag Vormittag – könnte man meinen. Denn der leer geräumte Aalener Weinladen „Weinmusketier“ platzt aus allen Nähten, als Drummer Omar Hakim und seine Band die kleine Bühne betreten.  Zwar mit einer halben Stunde Verzögerung, aber dafür bestens gelaunt und mit genug Rhythmus im Blut um auch den letzten Zuhörer mitzureißen, gehen Hakim und seine Freunde ans Werk. Dabei spielt er Songs wie „Carpe Diem“ aus seinem aktuellen Alben, knüpft aber musikalisch auch an die alten „Weather Report“-Zeiten an.
Atemberaubende, furiose, minutenlange Soli in fast jedem Stück, raffinierte Tempowechsel und eine grandios zusammen-arbeitende Band zeigen: Die Jungs haben richtig viel Spaß – und das Publikum ist mehr als begeistert. Doch es geht noch weiter, denn der Mann am Schlagzeug steht auf, singt, klatscht und trommelt nur in Begleitung seines Keyboarders, um sich gleich danach wieder die Sticks zu schnappen und einen neuen Groove anzuspielen. Ein ausgezeichnetes Konzert mit Überlänge, das die Zeit vergessen lässt.

Fast zumindest. Denn schon vibriert das Handy: Noch eine halbe Stunde bis der Zug fährt. Just in time komme ich am Bahnhof an, der Zug fährt los. Hinter mir ein tolles Festival-Wochenende mit vielen neuen Eindrücken, zwei Speicherkarten voller Fotos – und jeder Menge Musik im Ohr…