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Back to the roots – Jamie Cullum begeistert mit fantastischem Jazz-Album „Interlude“

– with English summary –
Concert picture taken at Jahrhunderthalle Frankfurt 2010, Germany  

jamiecullum_rustySpulen wir ein paar Jahre zurück. Zwölf, um genau zu sein. Denn 2002 ist das Jahr in dem Jamie Cullums letztes reines Jazz-Album „Pointless Nostalgic“ auf den Markt kam. Bis jetzt. Denn auch wenn ich an seinen Nachfolgern „Twentysomething“, „Catching Tales“, „The Pursuit“ und zuletzt „Momentum“ viel Freude hatte – meine große Leidenschaft gilt dem Jamie von damals, dem jungen, unverschämt talentierten Briten am Jazz-Piano.

Was soll ich sagen? Ich konnte es kaum erwarten, „Interlude“, Jamies neues Jazz-Album endlich in Händen zu halten und zu hören… Also: Play-Knopf drücken. Zurücklehnen. Und los geht’s.

Schon der Titeltrack „Interlude“ versprüht den Charme vergangener Tage. Von verqualmten Jazzkneipen irgendwo in New York. Swingend. Mit pointierten Bläserakzenten und mit großartigen Soli gespickt startet Jamie in den neuen Longplayer. Track zwei „Don’t You Know“ gibt sich als reinrassiger Boogie-Woogie voller Improvisationen – die Spielfreude der Musiker scheint greifbar. Und man spürt förmlich, wie viel Spaß es Jamie und seinen Mitstreitern machen muss, dieses Album eingespielt zu haben. Doch es geht weiter – denn der Jazz hat viele Dialekte – und Jamie spricht, pardon: spielt sie alle. Während „Good Morning Heartache“ zusammen mit Lara Mvula ein wenig an die großen Bigband-Duette à la Ella Fitzgerald oder Satchmo erinnert, klingt die Cover-Version des Blues-Standards „Don’t Let Me Be Misunderstood“ – im Original aus den frühen 1960ern – dank Gregory Porters samtweichem Bariton angenehm nach 2014. Dagegen mutet der „Lovesick Blues“ schon fast wieder anachronistisch an. Die Blechbläser scheppern, der Sound klingt wie aus Opas Grammophon und Jamies Stimme klingt eher nach der goldenen Swing-Ära irgendwann in den 1920er Jahren. Kein Wunder: Alle Songs wurden auf einem analogen (!) Medium aufgenommen.

Fazit: Jamie Cullum kehrt mit „Interlude“ zurück zu seinen Wurzeln. Und: Er kann es noch. Dabei geht er so fulminant, so authentisch und so motiviert zu Werke, wie ich es mir nicht hätte träumen lassen. Fans der ersten Stunde werden Freudentränen in den Augen stehen. Alle, die eher den Jamie von „Momentum“ oder „The Pursuit“ mögen, werden sich mit dem neuen, alten Sound erst anfreunden müssen. Für mich ist „Interlude“ definitiv ein heißer Kandidat für mein persönliches Album des Jahres 2014!

jc_rustyEnglish Summary: Let’s go back in time… Back to 2002, when Jamie’s last true jazz album „Pointless Nostalgic“ hit the shelves. Pure trio jazz, just piano, drums and double bass – simply great. Since then, Jamie has further elaborated and developed his skills, but sametime making his way more and more into pop-music. As a fan from the very first days of Jamies career, I kept wondering if Jamie would ever turn back to jazz music again. „Interlude“ is definitely a trip back to the roots – and a timeless compilation of beautiful cover songs as well as own compositions. Jamie, a great band and some gorgeous features from Gregory Porter or Lara Mvula make this album a very special one. Go get it. Now!

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Neu und frisch: Jazz aus Deutschland im Jahr 2014

lowsky_rustyIch gebe zu, das Album von Pit Baumgartner und Joo Kraus liegt schon ein paar Tage auf meinem digitalen Schreibtisch. Jetzt also endlich der Bericht zu „Low Sky Sketches“. Beide Künstler sind lange genug im Geschäft, als dass sie hier einer ausführlichen Vorstellung bedürften. Baumgartner hat als Produzent und Triebfeder von De-Phazz oft genug bewiesen, wie vielseitig der musikalische Raum zwischen Pop und Jazz sein kann, Kraus ist seit Mitte der 1980er musikalisch unterwegs und zeichnet seit seinem Erstlingswerk „Public Jazz Lounge“ im Jahr 2003 für einige viel beachtete Jazz-Alben verantwortlich. Was kommt also dabei heraus, wenn sich zwei Musiker von diesem Schlage zusammentun?

Meine Erwartungen waren hoch. Und wurden – soviel schon vorneweg – nicht enttäuscht. Klar: Wer feinsinnigen akustischen Jazz der alten Schule erwartet, sollte den Kauf von „Low Sky Sketches“ vielleicht überdenken. Allen, die wie ich daran glauben, dass sich Musik weiterentwickeln darf, soll und muss, die sich freuen, wenn neue Nuancen das Klangbild bereichern, denen sei hier schon eine klare Kaufempfehlung ausgesprochen. Doch zurück zur eingangs gestellten Frage: „It could be a slow song, it could be Jazz […] just let me do it right this time.“ bei „Right This Time“ ist fast schon sinnbildlich für den 17 Tracks umfassenden Longplayer. Denn „Low Sky Sketches“ ist ein Genregrenzen-überwindendes Potpourri erster Güte. Mal serviert das Duo entspannte, mal bluesige, mal eher nach Chillout, mal eher nach Funk klingende Songs. Dazu omnipräsent aber nie nur vordergründig: Die Trompete von Joo Kraus. Wer den direkten Kontrast hören mag, sollte sich mal ein Till Brönner-Album zum Vergleich anhören. Sparsam instrumentierte Jazz-Balladen wie „Nightcreeper“ oder „Liaison In Jazz“ mit einem schönen Frage-Antwort-Spiel von Piano und Blechbläser gesellen sich zu schnelleren Songs wie „Breathe Beside Me“, dass zwar sicher auch seinen Weg auf eine der zahlreichen Chillout-Compilations finden wird. Die Qualität der Produktion geht aber weit über die 4-Takt-Loops mit Synthie-Geschwurbel und Gitarrensounds aus dem Sampler hinaus. Besonders auffällig sind die vielen kleinen Details, die über das ganze Album verstreut sind: Rauschen, Stimmen, Hintergrundgeräusche. Damit haben andere Künstler schon viel kaputt gemacht, auf „Low Sky Sketches“ sorgt es vor allem für eines: Atmosphäre. Einziger Ausreißer aus dem eher jazzigen Duktus ist „I Sing“ mit freakigen Chorgesängen und einem Reggae-Beat, den es für mich jetzt nicht gebraucht hätte. Doch die übrigen Songs wissen absolut zu überzeugen!

Immer wieder Sonntags…

sundayinbed7_rustyFreunde, es wird Herbst. Goldener Oktober, Kastaniensammeln, Drachen steigen lassen – alles geschenkt. Denn sind wir mal ehrlich: Meist ist der Herbst vor allem das hier: Grau. Neblig. Regnerisch. Und kalt. Vor allem kalt. Und was macht man, wenn es so ungemütlich ist? Richtig. Man bleibt im Bett. Genau das haben sich wohl auch die Macher der Compilation „Sunday In Bed“ gedacht. Schon in der siebten Edition fliegen die 30 Songs nun in die Online-Shops und CD-Abteilungen der Republik. Zeit, sich die Zusammenstellung einmal genauer anzuhören. Ganz am Anfang steht die Frage: Was für Musik braucht es eigentlich, um es sich im Bett gemütlich zu machen? Gut. Das ist natürlich eine reichlich subjektive Fragestellung. Nichtsdestotrotz würde ich mal die These aufstellen, dass es ruhig etwas abwechslungsreicher sein darf. Und genau das ist das Schöne an „Sunday In Bed Vol. 7“: Kein reines Chillout-Geschwurbel (bei dem man am Ende gleich wieder einschläft und den Rest der CD verpasst) sondern viele unterschiedliche Stilrichtungen, die für Abwechslung sorgen. Und – das ist die Kunst – dem Zuhörer nicht zu viel Konzentration und Transfervermögen abverlangen. So bieten die zwei CDs lupenreinem Jazz von Nick Waterhouse, der mit „Hands On The Clock“ einen Song von seinem neuesten Album „Holly“ beisteuert, genauso wie Schmuse-Soul von Amos Lee, der mit seinem Song „Flower“ vertreten ist. Doch auch Hiphop oder House sind zu finden. Letzterer Musikstil mit dem coolen Track „Hanging Gardens“ von Classixx auf „Sunday In Bed Vol. 7“ verewigt. Glanzpunkt und weiterer Anspieltipp: Das düstere, perkussiv-treibende „Smouldering Ashes“ von Sängerin Malia und Boris Blank, zweiter Mann der Schweizer Band Yello. Zum Abschluss senden die 1980er ein paar nette Grüße: Frankie Goes To Hollywood setzen mit der tropisch-relaxten, aus heutiger Sicht fast ein wenig trashig anmutenden Ballade „San José  (The Way)“ den gekonnten, weil stimmigen, Schlusspunkt. Einziger Wermutstropfen: Irgendwer muss den Rechner oder CD-Player anschalten. Und das funktioniert – zumindest bei mir – nicht ohne Aufstehen. Aber auch in wachem Zustand bleibt die Compilation das was sie ist: Eine schöne Zusammenstellung.

Vom Winde verweht: Colin Vallon Trio überzeugt mit minimalistischem Jazz-Album „Le Vent“

colinvallon_rustypicturesGeht es dieser Tage um CDs aus der Schweiz, enthalten diese tendenziell eher Datensätze von deutschen Steuersündern denn gute Musik. Im Folgenden sei jedoch allen Steuerfahndern – und natürlich auch allen anderen Fans großartiger Jazzmusik – eine ganz besonders hörenswerte Scheibe unserer eidgenössischen Nachbarn ans Herz gelegt: Das neue Album „Le Vent“ des Colin Vallone Trios, erschienen bei ECM Records, aufgenommen im Frühjahr 2013 in den Osloer „Rainbow Studios“.

Gleich vorweg: Selten habe ich so frischen, so innovativen Trio-Jazz gehört. Die zwölf Songs auf „Le Vent“ präsentieren sich frei von Klischees, sehr melodiös und folgen einer konsequent auf Minimalismus ausgerichteten Spielweise. Dennoch fehlt es an nichts. Ganz im Gegenteil: Pianist und Bandleader Colin Vallon setzt seine Melodien und Akkorde sehr bewusst, lässt Tonfolgen für ein, zwei Takte wirken, bevor er den Ball wieder aufnimmt. Großartig zu hören beispielsweise bei Song Nummer 2 „Immobile“: Ganz behutsam, fast schon spärlich startet das Arrangement mit ein paar Sechzehntel auf dem Ride-Becken, garniert mit wenigen, aber dafür sehr starken Klavier-Akkorden. Kurz nach der Hälfte des Stücks wandelt sich der zarte Wind dann zu einem furiosen Sturm aus wogenden, kraftvollen Klangfarben und druckvollem Rhythmus. An den Drums groovt Julian Sartorius präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, am Kontrabass sorgt Patrice Moret für gekonnte Akzente – mal gezupft wie bei „Le Quai“, mal sanft gestrichen wie bei „Styx“.

„Le Vent“ ist ein faszinierendes und absolut hörenswertes Klangkunstwerk. Dabei verstehen es Colin Vallon, 1980 in Lausanne am Genfer See geboren, und seine Mitstreiter vortrefflich, den Hörer zu fesseln und mit auf ihre Reise durch ein weites Spektrum an unterschiedlichsten Stimmungen, Harmonien und Tonfolgen zu nehmen. Wo viele Trios sich ganz auf einen Leadmusiker und seine Fähigkeiten kaprizieren, stehen bei Colin Vallons Equipe alle gleichauf mit ihrem Können: Jeder der drei Künstler versteht es meisterlich, seinen Teil zum Gesamtwerk beizutragen. Bleibt zu hoffen, dass noch viele weitere Glanzstücke aus der Feder der drei Ausnahmemusiker folgen – Chapeau, meine Herren!

Das Colin Vallon Trio ist im März bis April auf Europa-Tournee und macht dabei auch in München, Bremen und Berlin Station.

Mehr Informationen zu Colin Vallon unter: www.colinvallon.com oder auf der Facebook Fanpage des Trios.

Im großen Kreis – Drittes Album des Tord Gustavsen Quartet

rusty_tgq_extendedcircleUm es gleich vorweg zu nehmen: Das Cover der neuen CD des Tord Gustavsen Quartet ist weitaus düsterer als es die Musik ist. Zwar präsentiert sich „Extended Circle“ etwas verschlossener als ihr Vorgänger „The Well“, die zwölf Titel sind aber weitaus zugänglicher als der verloren im nächtlichen Meer daher treibende Eisberg.

Zur Sache. „Extended Circle“ ist das dritte Album in klassischer Viererbesetzung – und das sechste Album überhaupt – das der Norwegische Jazzer und seine Mitstreiter beim renommierten Münchener Jazzlabel ECM veröffentlichen.

Wie kaum einem Zweiten gelingt es Tord Gustavsen am Piano, anfangs schwermütige Akkordfolgen in positive, sehr harmonische Auflösungen zu überführen. Beispielsweise zu hören beim ersten Song „Right There“ oder Titel Nummer sechs „Silent Spaces“. Dabei versteht Gustavsen es meisterlich, seinem Instrument ein besonders breites Dynamikspektrum zu entlocken: Mal leise Akkorde, mal eine zarte Melodie. Beim nächsten Titel geht es dann aber wieder richtig zur Sache: Die Improvisationen werden schneller, energischer, rastloser – und prägnanter. Zwar machen alle Musiker ihre Sache außerordentlich gut, besonders gefällt jedoch Jarle Vespestad am Schlagzeug. Er geht die Tempowechsel des Bandleaders problemlos mit und groovt – wenn es sein muss – bis zum Anschlag. Nur, um sich schon beim nächsten Song – ausschließlich mit den Besen bewaffnet – in Zurückhaltung zu üben, schön zu hören bei „The Prodigal Song“. Mit der alten Norwegischen Volksweise „Eg Veit I Himmerik Ei Borg“ – zu deutsch etwa „Eine Burg im Himmel“ – gelingt den Musikern eine besonders packende Interpretation. Entstanden eher als Zufallsprodukt während eines Soundchecks zeigt sie die Vertrautheit der Künstler zueinander: Ein packender Rhythmus, der herrlich schnalzende Akustik-Bass von Mats Eilertsen und ein großartiges Zusammenspiel von Gustasven am Piano und Tore Brunborg Saxophon – so klingt guter Jazz 2014.

Übrigens – das Tord Gustavsen Trio ist im März und Juni 2014 auf Deutschland- und Österreich-Tournee: 27.03.2014 München, 28.03.2014 Allensbach, 29.03.2014 Mainz, 30.03.2014 Offenburg, 31.03.2014 Köln, 05.06.2014 Hamburg, 06.06.2014 Hamburg, 07.06.2014 Wien

„Extended Circle“ erschien am 17. Januar 2014 bei ECM Records.

Eine kleine Nachtmusik – Slackwax mit erstem eigenen Album „Night Out“

Slackwax: Night Out„Slackwax? Nie gehört!“, mag der ein oder andere Leser sicher denken. Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der geneigte Fernsehzuschauer schon mehrfach in Kontakt mit Songs des Nürnberger Produzenten Peter Hoppe und Bassisten Bernd Batke gekommen ist. Denn die beiden Franken haben in den vergangenen Jahren den ein oder anderen TV-Spot für süddeutsche Nobelkarossen oder Pariser Modelabels musikalisch untermalt.

Doch was genau erwartet den Hörer auf „Night Out“? Ein entspannter, manchmal auch groovender Cocktail aus herrlich-schrammeligen Rhythmen vom Sampler, swingenden Gitarrenriffs und teils freakigen, aber nicht minder lyrischen Vocals, garniert und abgeschmeckt mit einem Schuss Country. Oder um es kurz zu machen: Der perfekte Soundtrack für den Absacker in der Bar. Und zwar nicht in der nächstbesten, Hipster-verseuchten Szenebar, sondern eher in einer jener stilvollen Bars, in denen die Barkeeper noch richtige Cocktails ohne Fusel servieren – und die schon da waren, als die nervigen Nerdbrillen-Träger und Tannenzäpfle-Trinker noch gar nicht geboren waren.

Titel wie „Midnight“ oder „Dying Day“ lassen es ahnen: Die Songs sind für Nachtschwärmer gemacht, scheinen sie doch direkt aus einer verregneten Nacht auf CD geflossen zu sein.

Auf „Night Out“ sind ein paar echte Juwelen vereint, darunter der herrlich treibende und mit Bläser-Samples verzierte Titeltrack. Wer ganz genau hinhört, kann die liebevoll eingewobenen Zitate von „Riders On The Storm“ aus der Feder von The Doors mit dem Fender Rhodes entdecken. Aber auch einige wirklich großartig gemachte Coversongs sind zu finden: Zum Beispiel Willie Nelsons „On The Road Again“, der zwar unter vehementem Slide-Guitar-Einsatz stark auf Country macht, dabei aber trotzdem nicht anbiedernd und gleichzeitig angenehm modern wirkt – alle Achtung! Freunde der „neuzeitlichen“ Musik sei die Akustik-Version von Mousse T’s und Tom Jones’ „Sex Bomb“ ans Herz gelegt – und auch die 1980er haben ihren Eingang in den Longplayer gefunden: Mit einer piano- und gitarrenlastigen Interpretation von „Such a Shame“ als letztem Track verabschieden sich die Nürnberger Musiker in die Stille der Nacht.

Bleibt nur zu hoffen, dass bald mehr von dieser exotischen Mischung unsere Musik beherrscht. Meinen CD-Player im Auto für die nächste Fahrt nach Sonnenuntergang haben sie jedenfalls im Sturm erobert…

Innovativer Jazz mit viel Gefühl

Während die meisten Schlagzeuger ihre Instrumente eher dazu nutzen, es so richtig krachen zu lassen, geht Manu Katché seit jeher eine andere Richtung. Gefühlvoll, feinsinnig und mit überragendem Talent für großartige Arrangements. Nun legt der Drummer ein neues Studio-Album, das nur seinen Namen trägt: Manu Katché.

Seine Musikerkarriere hatte Manu Katché als Pianist begonnen – kein Wunder also, dass ihm so filigrane Arrangements wie die des jüngsten Longplayers gelingen – denn er betrachtet die Musik nicht nur durch die Brille des Rhythmusgebers. Vermutlich ist es genau das, was seine Songs – und übrigens auch die der zurückliegenden Alben „Playground“, „Neighbourhood“ und „Third Round“ so leichtfüßig erscheinen lässt.

Zugegebenermaßen: Der vorliegende Longplayer ist beim ersten Hören nicht ganz so zugänglich wie mancher seiner Vorgänger. Dies mag vor allem daran liegen, dass neben Katché selbst nur der norwegische Saxophonist Tore Brunborg von der Besetzung des zurückliegenden Albums „Third Round“ übrig geblieben ist. Das System dahinter: „Wenn Du Deine Musik alleine schreibst, bist Du Dir immer Deiner Grenzen bewusst. Es hilft, die Musiker zu tauschen, mit denen Du spielst. Denn die bringen Dinge mit ein, die Du nicht erwartest“, sagt Katché. Zusätzlich waren der ebenfalls aus Norwegen stammende Trompeter und Elektrojazz-Pionier Nils Petter Molvær sowie Jim Watson, der für Piano und Orgel verantwortlich zeichnet, mit im südfranzösischen Studio.

Doch die anfängliche Verschlossenheit von „Manu Katché“ verschwindet schon beim zweiten und dritten Hören: Die Songs gewinnen an Tiefgang, unzählige, kleinen Details eröffnen sich dem geneigten Hörer – und auch die zum Teil komplexen Harmoniekonstrukte und virtuosen Improvisationen aller vier Musiker treten zum Vorschein. Ganz wie ein guter Wein im Glas entfaltet sich die CD erst nach und nach und gibt dem Hörer mehr und mehr von sich preis. Doch muss man kein erfahrener Jazzer sein, um die hohe musikalische Qualität von „Manu Katché“ zu erkennen, denn das Album ist innovativer Jazz vom Feinsten. Sicher, manche Stücke, wie beispielsweise „Beats & Bounce“ oder „Walking By Your Side“ bleiben ein wenig düster, was vor allem den sphärischen, effektbelegten  Trompetenklängen und flächigen Loops von Nils Petter Molvær geschuldet ist. Aber ein gutes Album lebt davon, Abwechslung zu bieten, die Stimmungen, Klangfarben und Tongeschlechte zu wechseln. „Loose“ oder „Imprint“ verkörpern die positiven, warmen Töne. Immer präsent: Manu Katché am Drumset, jedoch ohne sich dabei penetrant in den Vordergrund zu drängen oder seine Mitspieler an die Wand zu spielen. Statt dessen: Viel filigranes Beckenspiel, wie eingeölt rollende Fill-ins und gekonnt gesetzte Off-Beats in jedem neuen Song. Dass kein Bassist mit im Studio war merkt man erst, wenn man ins Booklet schaut. Denn Jim Watson, der am Piano und der Hammond B3 quasi alleine für die Harmonien und tiefen Töne zuständig ist, überzeugt in seiner Rolle voll und ganz.

Fazit: Wirklich innovativer Jazz mit viel Gefühl und einem überragenden Manu Katché als Arrangeur, Drummer – und Pianist, denn beim zehnten Song „Dusk On Carnon“ greift er selbst in die Tasten. Absolut hörenswert!

„Manu Katché“ ist Mitte Oktober 2012 beim Münchner Label ECM Records erschienen.