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Zwei Sommernachtsträume: Rheingau Musik Festival holt Hamel, Raul Midón und Richard Bona nach Wiebaden

Nein, so richtig sommerlich ist dieser Sommer 2011 wahrlich nicht. Open Air-Konzerte geraten da zum echten Vabanque-Spiel. Doch am Freitag, den 05. August zeigte das sich Wetter gnädig – und so konnte das Konzert des niederländischen Sängers Hamel wie geplant im Wiesbadener Kurpark stattfinden. Pünktlich um 19.30 Uhr kommt Wouter Hamel, wie er mit vollem Namen heißt, auf die Bühne. Allein, nur mit seiner Gitarre gibt er den Titeltrack des aktuellen Albums „Nobody’s Tune“ zum Besten. Stimmlich kann der Künstler auf ganzer Linie überzeugen, man merkt, er hat eine intensive Gesangsausbildung an der Kunsthochschule in Utrecht genossen. Doch musikalisch will der Funke nicht so recht überspringen. Daran vermag auch die fünfköpfige Band, die ab Song Nummer zwei mit auf der Bühne steht, nichts ändern. Die Song-Auswahl indes präsentiert sich als Spaziergang zwischen verschiedensten Stilen, beschwingte, jazzige Stücke wie „Big Blue Sea“ reihen sich an poppige Songs wie „One More Time On The Merry-Go-Round“ und Balladen wie „Tiny Town“, in der Hamel das beschauliche Landleben besingt. Dabei kann der junge Holländer, Jahrgang 1977, auch sein stimmliches Talent beweisen, singt mal dynamisch und kraftvoll, mal leise und gehaucht – doch sind die Texte und deren Inhalt oft flach wie die Landschaft seines Heimatlandes. Und auch die Band bleibt – bis auf ein paar Glanzpunkte durch Soli von Gitarrist Rory Ronde – hinter ihren Möglichkeiten zurück. Nach 45 Minuten ist Pause, kurz vorher spielt Hamel noch „Demise“, die erste Single-Auskopplung seines in Kürze erscheinenden, dritten Albums. Die 30 Minuten Pause scheinen vor allem dem Publikum gut getan zu haben, denn die Stimmung wird besser. Wouter Hamel gibt den Charmeur, gefällt sich in der Rolle des mustergültigen Schwiegersohns und umgarnt sein Publikum mit weiteren Songs des neuen Albums, hat aber auch wieder Stücke des aktuellen Longplayers wie „In Between“ im Angebot. Zum Schluss lässt der Künstler seine Zuhörer zum Song „See You Once Again“ mitsingen, danach ist Schluss. Doch das Publikum klatscht Hamel – für meine Begriffe ein wenig zu frenetisch und mit stehenden Ovationen – für die Zugabe „Toulon“, die er der südfranzösischen Stadt gewidmet hat, zurück auf die Bühne. Fazit: Ein solider, kurzweiliger Auftritt. Doch nach von Kritikern gezogenen Vergleichen mit Jamie Cullum, Jeff Buckley oder Michael Bublé hätte ich mir – vor allem musikalisch – ein wenig mehr erhofft.

Ganz anders verhält es sich mit dem Konzert des Folgetages, das unter das schützende Dach des Wiesbadener Kurhauses verlegt werden musste. Richtige Entscheidung, denn nicht nur Dieter Bohlen machte im Staatstheater nebenan mit der Suche nach dem Supertalent Station, auch der Regen war Dauergast an diesem Abend. Mit Raul Midón und Richard Bona hatten sich zwei absolute Ausnahmemusiker für den 06. August angekündigt, entsprechend hoch war die Erwartungshaltung. Ersterer ist bekannt für seine soulige, variantenreiche Stimme und sein einmaliges, perkussives Gitarrenspiel, der Zweite ist ein Genie am Bass – und hat von den Brecker Brothers über Pat Metheny bis hin zu Joe Zawinul schon so ziemlich mit allem gespielt, was in der Jazz- und Rockszene Rang und Namen hat. Unterstützt werden die beiden von Drummer Lionel Cordew aus Barbados und Keyboarder Etienne Stadwijk aus Rotterdam, beide ebenfalls Meister ihres Fachs.

Es ist die letzte Show ihrer Tournee und man merkt allen Künstlern an, wie sehr sie die gemeinsame Zeit genießen und genossen haben. Die Truppe präsentiert sich bestens auf einander eingespielt, das musikalische Niveau ist schier unglaublich. Mal interpretieren die vier Musiker Songs aus der Feder von Midón, darunter „Silly Man“ oder „Waited All My Life“, mal arabeske oder afrikanische Stücke, die sicher dem Einfluss von Bonas Geburtsland Kamerun zu verdanken sind. Dazwischen gibt es fetzige und druckvolle Fusion-Sounds, weltmusikalische und südamerikanische Einschläge, Midóns Vater ist Argentinier, und jazziges, ja sogar souliges zu hören. Mit dem Singen wechseln sich Midón und Bona ab, mal steht der eine, mal der andere im Mittelpunkt. Garniert werden die Songs durch tolle Soli aller Beteiligten, besonders die Spielfreude von Drummer Lionel Cordew gefällt. In den Pausen zwischen den Songs zeigen sich die Musiker sehr gesprächig, schmeicheln ihrem Publikum, machen Späßchen, Bona stimmt sogar „Alle Vögel sind schon da“ und bayrische Humpta-Humpta-Bassläufe an. Und das kommt beim Publikum an. Nach einem Bass- und Vocal-Solo, in dem Bona sich eindrucksvoll und mit Unterstützung des Samplers auf seine afrikanischen Wurzeln besinnt, spielt Midón eine fabulöse, zehnminütige Version seines Hits „Sunshine“. Dabei scheint er eins zu werden mit seinem Instrument, zupft, zieht und schlägt auf die Saiten, imitiert nebenbei noch ein täuschend echtes Trompetensolo mit dem Mund und schraubt seine Stimme in ungeahnte Tiefen und luftige Höhen. Grandios – der Saal kocht. Zwar steht der ganze Saal ohnehin schon, doch zu den beiden Zugaben wird sogar getanzt. „Sing, Sing, Sing!“ lautet das Motto des vorletzten Songs. Und die Damen und Herren des Publikums singen auf Kommando miteinander, gegeneinander, für einander – und vor allem durcheinander. Doch das tut der Sache keinen Abbruch. Auch die Musiker sind nach fast zwei Stunden Programm hochzufrieden. Mit erhobenem Daumen verlässt Richard Bona die Bühne, den blinden Raul Midón untergehakt. Respekt, Gentlemen, Respekt.

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Großes Kino für die Ohren: Jamie Cullum glänzt mit grandiosem Auftritt in Frankfurt

„Wie talentiert kann man eigentlich sein?“ fragten jüngst die Redakteure der Zeitschrift „GQ“ – und nominierten Jamie Cullum zum „Mann des Jahres“ in der Sparte Musik. Richtig so. Denn wenn der nur 1,64 große Brite zum Konzert einlädt, bleiben keine Fragen mehr offen. So geschehen am vergangenen Dienstag, den 14. Dezember 2010 in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Das Publikum zeigt sich gemischt. Viele junge Leute haben trotz Winter und Schnee den Weg nach Frankfurt-Höchst gefunden. Darunter sogar erwachsene Töchter, die sich bereitwillig von ihren Müttern begleiten lassen, aber auch ältere, eingefleischte Jazz-Fans oder Paare, bei denen die Kinder vermutlich schon längst aus dem Haus sind. Und: Es funktioniert! Die Stimmung ist klasse, noch bevor Jamie Cullum die Bühne überhaupt betreten hat. Sicherlich auch ein Verdienst der US-amerikanischen Sängerin Lauren Pritchard, die mit zwei Musikern die erste halbe Stunde bravourös bestreitet.

Um 21 Uhr geht es dann in die Vollen: Pünktlich auf die Minute kommen Jamie und seine Band auf die Bühne, der erste Song „I’m All Over It Now“ vom vorletzten Album „Catching Tales“ groovt die Menge auf die kommenden beiden Stunden ein. Während andere Künstler meist nur auf Tour gehen, um ihre neuesten Longplayer zu promoten, erweist sich die Set-Liste als Retrospektive eines ganzen Jahrzehnts Jamie Cullum. Dabei wechseln sich jazzige mit poppigen Songs ab, leise Balladen folgen auf laute Stücke – und sogar weihnachtliches ist dabei: Zwischen „If I Ruled The World“ vom aktuellen Album „The Pursuit“ und dem herrlich swingenden „Twentysomething“ überrascht der Mann am Klavier mit „Let It Snow“. Wenn er nicht gerade in die Tasten haut und seine Zuhörer mit perlenden, perfekt sitzenden Improvisationen verwöhnt, flitzt Jamie Cullum über die Bühne, steht am Mikro, auf dem Flügel an den Congas oder greift zur Gitarre. Kein leichter Job für die Fotografen, die der Heißsporn mächtig auf Trab hält. Gänsehaut-Feeling kommt auf, als der Multi-Instrumentalist die alte Jeff Buckley Nummer „Lover You Should Have Come Over“ und sein grandioses Mashup aus „Singin in The Rain“ und Rihannas „Umbrella“ ganz ohne Band alleine am Flügel zum Besten gibt. Ein besonderes Highlight kommt zum Schluss, denn beim Song „Mixtape“ sind alle im Publikum aufgefordert mit Kamera oder Handy zu filmen. Verwendet wird das entstandene Material im Rahmen der 3Sat-Sendung „Kulturzeit“. Die Menge tobt – und Jamie erhört ihren Ruf: Zwei Zugaben hat er dabei – „Wind Cries Mary“ von Jimi Hendrix – und den rührenden Titeltrack des Clint Eastwood-Films „Gran Torino“. Insgesamt ein Konzert, das für mich wirklich zu den absoluten Highlights des ausklingenden Jahres zählt. Wer Jamie noch nicht live gesehen hat, sollte es definitiv tun. Respekt, Mr. Cullum, come back soon!