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Caipi, Sonne und Musik: Der richtige Sound zum brasilianischen Sommer 2014

vargo_summer_2_rustyKeine Frage: Alle Augen liegen dieser Tage auf Brasilien – und das natürlich nicht zuletzt aufgrund der omnipräsenten Fußballweltmeisterschaft. Doch auch für die Ohren hat das größte Land Südamerikas einiges zu bieten. Die lokale Musik ist vielfältig und facettenreich – denn Samba ist nicht gleich Samba und Sergio Mendes beileibe nicht der einzige Musiker des Landes, auch wenn man diesen Eindruck als Europäer leicht bekommen könnte…

Als Vorreiter und feste Größe des Chillout-Genres hat sich Ansgar Üffink alias Vargo Lounge in diesem Sommer der Kombination von sanften Klängen und brasilianischem Flair verschrieben. Seine Compilation „Summer Celebration 2 Brazil Edition 2 by Vargo“ versprüht Sommerfeeling, Gute Laune und einen kleinen Eindruck des bunten brasilianischen Treibens. Zu den Kontributoren zählen internationale wie brasilianische Künstler, die Mischung biedert sich nicht an oder kommt mit Altbekanntem ums Eck. Besonders hörenswert sind „Deusa Negra“ von Bobby Brazil und „Rio, Pt. 2“ von Afterlife. Auch die Uptempo-Nummern im letzten Drittel der CD „Summer Haze“ von Grant Nalder sowie „Demanda“ von Rasmus Faber und Clara Mendes machen Spaß und können durch subtile lateinamerikanische Samples überzeugen ohne dabei in eine billige, Agogo- oder Cuica-schwangere Instrumentalisierung abzudriften – gut gemacht!

Ein nettes Gimmick zur Vorstellung der CD ist der Videoblog von Ansgar Üffink und Manager Timm Korth, die sich nach Rio de Janeiro aufmachen, um die Künstlerin Fernanda Porto ausfindig zu machen, die mit dem rhythmischen Bossa Nova-Song „Só Tinha de Ser Com Você“ auf der Compilation vertreten ist. Ob nun wirklich die fehlende Lizenzvereinbarung oder einfach eine nette Marketing-Idee dahintersteht, ist zweitrangig. Denn unterhaltsam und stimmungsvoll sind die Videoclips unter http://www.summer-celebration.de allemal!

Looking Back: Paul Carrack rockt den Frankfurter Hof

Nein. Beweisen muss der Mann wirklich niemandem mehr irgendwas. Dafür ist er schon zu lange im Musikgeschäft – und dafür hat er wirklich genügend Hits oder Gelegenheiten gehabt, auf sich und sein Talent aufmerksam zu machen. Paul Carrack geht aber trotzdem auf Tour. Und das ausgiebig, regelmäßig und mit viel Leidenschaft. Warum? Weil es ihm richtig viel Spaß bringt. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau das merkt man auch.

Doch von Anfang an. Denn den Einstieg macht Lisbee Stainton. Junge 22 Jahre alt, steht sie ganz alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne. Das Mainzer Publikum weiß sie zu Beginn noch nicht so recht einzuordnen, doch das gibt sich schnell. Denn mit Lockenkopf, Charme und viel Talent führt die britische Singer-Songwriterin gekonnt durch die ersten vierzig Minuten des Abends und gewinnt die Sympathie der Zuhörerinnen und Zuhörer schon nach wenigen Augenblicken. Unaufgeregt, souverän, ja fast schon entspannt, überzeugt sie durch ihr sehr perkussives Gitarrenspiel, ohne dabei wie ein Abklatsch zu Milow oder dessen musikalischem Klon Mads Langer zu wirken. Die Songs stammen vom aktuellen Album „Girl On An Unmade Bed“.

Dann schlägt die Stunde der „Rocker“ – zumindest hört man sie schon laut neben der Bühne lärmen, noch bevor das Konzert richtig starten konnte. Und Paul Carrack gibt sich keine Blöße: Eben noch ein balladeverliebtes Album mit dem Royal Philharmonic Orchestra eingespielt, dann schnell ein paar Auftritte als Sänger zusammen mit der grandiosen SWR Big Band – und jetzt bringen er und seine vier „Jungs“ in Mainz als klassische Rock-Formation das Haus zum Kochen. Zugegeben – richtiger Hard-Rock klingt ein klein wenig anders, aber der gitarrenlastige Sound und die Arrangements weisen in eine eindeutige Richtung. Von Anfang an hat sich Paul Carrack selbst die E-Gitarre umgeschnallt, wechselt zwischendurch auf die akustische Version, weiter ans Keyboard und die Orgel – um schon beim nächsten Stück wieder die Saiten zu quälen. Die Augen fast immer fest zugekniffen, treibt er die Songs mit seiner markanten Stimme vorwärts. Kein Wunder, ist die Setliste mit 16 Songs plus Zugabe zum Bersten gefüllt. Und trotzdem ist er jederzeit Herr der Lage, zu keiner Zeit entsteht der Eindruck, dass sich irgendwer beeilen würde. Und das Publikum? Hängt an seinen Lippen. Fast alle Lieder sind bekannt, bei den großen Hits wie „Silent Running “, „Another Cup Of Coffee“ oder „How Long“ singt der ganze Saal.

Dass Paul Carrack es aber nicht nur mit dem Komponieren, Arrangieren und Singen richtig drauf hat, beweist er während der groovenden Nummer „Better Than Nothing“: Schlappe drei Soli haut der Brite hintereinander raus – auf drei verschiedenen Instrumenten versteht sich. Danach verlangsamt sich das Tempo der Songs wieder ein wenig, mit „The Living Years“ und „Love Will Keep Us Allive“ wird es schmusiger.

Am Ende – und darauf haben alle gewartet – gibt Paul Carrack mit „Looking Back (Over My Shoulder“ seinen wohl größten Hit zum Besten. Und das wird honoriert, denn das ganze Haus singt, klatscht und tanzt von der ersten bis zur letzten Reihe – besser könnte die Stimmung nicht sein – und besser könnte ein solches Konzert nicht enden. Noch auf dem Weg zum Parkhaus hört man die gepfiffene Melodie im unfreiwilligen Kanon – es scheint gefallen zu haben. Und mir auch.

Nachgelegt: Lizz Wright gastiert in Mainz

Bloggen lebt ja eigentlich von der Aktualität. Eigentlich. Das Konzert von Lizz Wright in Mainz ist aber schon ein paar Tage Vergangenheit, deshalb ist es ausnahmsweise mal mit der Aktualität nicht ganz so weit her. Nichts desto trotz ein kurzer Bericht – also los!


Gospel und Soul sind zwar allseits bekannte – und von R&B bis Hip-Hop gern zitierte Musikstile – aber in ihrer Reinform doch eher selten geworden. Mal abgesehen von den Gospel-Chören, die sich hierzulande bevorzugt um die Weihnachtszeit und natürlich immer im Namen des Herrn die Taschen mit immergleichem Liedgut die Taschen füllen. Doch da hat die US-Amerikanerin schon einen anderen Anspruch, gottseidank!


Das Konzert im Frankfurter Hof startet mit kurzer Verspätung, der Saal ist prall gefüllt. Kein Keyboard oder Synth, dafür aber zwei Gitarren, Bass und ein Drumset stehen auf der Bühne. Gospel-Songs ohne den typischen Orgel-Sound? Klar, dass ein paar piano- oder eben orgellastige Songs des aktuellen Albums „Fellowship“ nicht mit auf der Setliste stehen. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, denn die Jungs an den Gitarren entlocken ihren Instrumenten eine große Bandbreite an Sounds: Ob akustisch gezupft, Aufgeladen mit Effekten oder Gezogen mit dem Slide. Herrlich! Lizz Wright steht auf der Bühne. Barfuß. Weißes Kleid mit schwarzer Stola. Die Augen geschlossen, ein Lächeln umspielt ihre Lippen. Und dann singt sie die ersten Zeilen ihres Songs „Old Man“. Bluesig. Soulig. Voller Gefühl. Und nimmt ihr Publikum dabei mit auf eine musikalische Reise durch die amerikanischen Südstaaten. Mal geht es in schnellen Schritten voran, mal scheint die Sängerin still zu stehen und innezuhalten. Und diese Abwechslung tut gut, die vierzehn Songs inklusive eines schönen Gospel-Medleys als Zugabe vergehen wie im Flug.

Es weihnachtet schwer: Der rusty-pictures CD-Tipp zum Fest

Die Weihnachtszeit ist für Musikfreunde wahrlich kein Zuckerschlecken: „Last Christmas“ und „Do They Know It’s Christmas Time“ klettern in den Charts wieder gefährlich weit nach oben – und auf den Weihnachtsmärkten der Republik geben mäßig talentierte Blasorchester klassische Weihnachtslieder zum Besten, die sich klangmalerisch irgendwo zwischen Freejazz und ertrinkender Katze bewegen. Aber: Es gibt einen Ausweg! Denn da sind tatsächlich noch Künstler, die sich beharrlich weigern, zur Weihnachtszeit ein langweiliges „Best of“ auf CD zu pressen. Statt dessen liefern sie ein astreines Album ab, mit dem man entweder seine Liebsten – oder aber sich selbst beschenken kann.

Einer dieser Künstler ist Paul Carrack. Der britische Sänger war früher eimal Frontmann der Pop-Band Mike & The Mechanics – ist aber seit vielen Jahren mit eigener Band und anderen spannenden Projekten unterwegs. Sein neuester Coup: Die CD „A Different Hat“, aufgenommen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Das zwölf Songs umfassende Album besticht durch grandios arrangierte Balladen mit warmen Streicherflächen, darunter Evergreens wie Randy Newmans „I Think It’s Going To Rain Today“ oder „Moon River“, aber auch Interpretationen eigener Songs wie „Eyes Of Blue“. Fein abgerundet wird die exquisite Zusammenstellung durch ein paar swingende Stücke im Big-Band Style. Hörenswert sind hier vor allem „All The Way“ und „I Don’t Know Enough About You“. Überraschend wandlungsfähig präsentiert sich Carrack mit seiner Stimme, die das opulente Klangwerk des Orchesters perfekt zu führen scheint. Dass „A Different Hat“ Mitte November erschienen ist, passt perfekt. Denn die Musik wirkt winterlich, streckenweise sogar fast weihnachtlich, jedoch ohne dabei den allgegenwärtigen Niveau-Limbo vieler seiner Kollegen mitzuspielen. Damit ist CD geradezu prädestiniert fürs Fest und bekommt von mir das Prädikat: „Für kalte Tage wärmstens zu empfehlen“!

Princess Charming: Fredrika Stahl zu Gast in der Frankfurter Brotfabrik

Ein nasskalter Abend, mitten im November – und noch dazu ein Montag. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Konzert, denn unter diesen Bedingungen bleiben die Meisten wohl doch lieber zuhause. Doch Fredrika Stahl scheint seit ihrem ersten Album an Bekanntheit gewonnen zu haben – und so kam es, dass die Schwedin vor ausverkauftem Haus auftreten konnte.

Trotz des großen Andrangs herrscht von Beginn an eine sehr intime Stimmung. Fast schon könnte man von heimeliger Club-Atmosphäre sprechen, denn Fredrika hat außer dem Flügel und ihrer Stimme nur den Pariser Gitarristen Rémy mit auf der Bühne. Los geht es mit einer Viertelstunde Verspätung und dem Titeltrack des kürzlich erschienenen Albums „Sweep Me Away“, einer sanften Ballade, gefolgt von Songs wie „Fast Moving Train“, „Rocket Trip To Mars“ oder „Fling On Boy“. Sie macht ihre Sache gut, die Bandbreite der Stimme reicht von messerscharf bis samtweich. Bei manchen Passagen wirkt sie zwar ein wenig unsicher und verschluckt die hohen Töne, doch das macht sie mit ihrem charmanten Augenaufschlag in Sekundenbruchteilen wieder wett. Überhaupt kokettiert sie zwischen den Liedern mit dem Bild des zarten, weiblichen Wesens und umgarnt ihr Publikum. Doch sie kann auch anders: Beim Refrain von „What If?“ singt sie laut und energisch, stampft mit dem Fuß auf und wechselt gekonnt zwischen Kopf- und Bruststimme – nur um in den Strophen wieder die leisen Töne ins Mikro zu hauchen.

Meist sitzt die Schwedin am Flügel, für ein paar der Songs steht sie jedoch zum Singen auf und überlässt die musikalische Untermalung dem Mann an der Gitarre, der sich maßvoll für die Protagonistin zurückzunehmen weiß – aber sicher noch ein wenig mehr gekonnt hätte. Zwischenfazit: Seit dem Studio-Album „Tributaries“ hat Fredrika zwar gesangtechnisch und musikalisch eine ganze Schippe draufgelegt – aber Luft nach oben bleibt dennoch. Und das geht auch absolut in Ordnung, denn so furchtbar lange ist die 25-jährige ja nun auch noch nicht im Geschäft.

Das Publikum indes ist begeistert. Erst nach drei Zugaben, darunter eine ganz spezielle Version von „Twinkle, Twinkle, Little Star“ und „Stuck On A Stranger“, lassen die Zuhörer applaustechnisch von der Künstlerin ab. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen schönen Abend – und die Erkenntnis, dass von Fredrika Stahl bestimmt noch viel (Gutes) zu hören sein wird.

Gipfeltreffen: Die „Old Friends“ gastieren in der Jazz Fabrik Rüsselsheim

20.30 Uhr – fast ein bisschen spät für ein Jazzkonzert unter der Woche. Aber die Stuhlreihen vor der Studiobühne im Rüsselsheimer Theater sind am 23. September fast komplett gefüllt. Kein Wunder, denn wenn die „German Jazz Masters“ mit Namen wie Klaus Doldinger, Wolfgang Schmid oder „Obi“ Jenne auf den Plakaten stehen, ist großartige Musik garantiert.

Gestartet wird ohne viel Auflebens, Song Nummer eins ist „Suggestion“, aus der Feder von Manfred Schoof, dem Mann an Trompete und Flügelhorn. Dabei scheinen die fünf Musiker die ersten Minuten zu brauchen, um sich so richtig warm zu spielen – aber das sei selbst Routiniers dieser Klasse zugestanden. Denn schon mit dem nächsten Stück „Yellow Cab“, geschrieben von Klaus Doldinger nach einem New York-Besuch, steigern die Old Friends ihr Tempo und ihre Präzision merklich. Weiter geht es mit der melodischen Nummer „Wendekreis“, diesmal von Wolfgang Dauner. Und dass ein Pianist für die Komposition verantwortlich zeichnet, merkt man schon beim harmonieverliebten Piano-Intro, in das der Rest der Band behutsam einsteigt. Überhaupt ist das Geschehen auf der Bühne durch großen Respekt vor- und im Umgang miteinander geprägt. Fast alle kennen sich seit mehreren Jahrzehnten, verstehen sich blind – und wissen genau, wann sie sich für ein Solo des jeweils anderen zurücknehmen müssen, um Minuten später wieder auf den Punkt genau mit einzusteigen. Der Song „Like Don“, eine fetzige, groovige Nummer, bei der vor allem Drummer Meinhard „Obi“ Jenne Vollgas gibt, schließt das erste Set. Bis hierher absolut grandios. Doch es sollte noch besser werden.

Opener des zweiten Teils ist ein echtes Freejazz-Brett. Hohes Tempo, irrsinnige Improvisationen und scheinbar quer durcheinander gespielte Töne prasseln auf das Publikum herein, nur kurz unterbrochen durch ein paar ruhige Passagen, nach denen es aber gleich wieder voll zur Sache geht. Und zwar so vehement, dass Manfred Schoof beim Solo sogar ein kleines Teil seiner Trompete zu Boden fällt. „Jemand verletzt?“ fragt der gebürtige Magdeburger mit breitem Grinsen. Gelächter im Publikum – doch schon geht’s weiter. Mit „Cross Talk“ steht nun ein etwas gediegeneres Stück von Klaus Doldinger auf der Tracklist. Und wieder: Exzellente Soli, bei denen man merkt, dass keiner der Musiker sich oder dem Publikum irgendetwas beweisen muss. Vielmehr spürt man förmlich den Spaß, den die fünf miteinander haben – und kommt nicht umhin, das ein oder andere Mal über die Nonchalance und Lässigkeit zu schmunzeln, mit der die Künstler ihrer Arbeit nachgehen. Die letzte Nummer, „Tanz-Tanz“ von Wolfgang Dauner, baut sich langsam auf, groovt, wird richtig funky und gipfelt in einem mehrminütigen Drum-Solo von einem brillanten, schier entfesselt spielenden „Obi“ Jenne am Schlagzeug.

Zeit für die swingende Zugabe „Lucky Loser“ bleibt natürlich noch. Ehrensache. Doch dann ist endgültig Schluss. Bedenkt man, dass die Mehrheit der „Old Friends“ schon weit über 70 ist – sind zwei so druckvolle Stunden Konzert eine mehr als respektable Leistung. Was für ein Konzert: Abwechslungsreich, virtuos – und auf verdammt hohem Niveau.

Musikmarathon im Frankfurter Hof – das Landesjazzfest Rheinland-Pfalz feiert Premiere

Seit seinem Bestehen ist der Frankfurter Hof in Mainz Anlaufstelle für Jazz-Größen der ganzen Welt. Von Aziza Mustafa Zadeh aus Aserbaidschan über das Nguyên Lê Trio mit vietnamesischen Wurzeln bis hin zu Curtis Stigers aus den USA oder Ulf Wakenius aus Schweden. Doch am Abend des 18. September schien Goethes Leitspruch „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ das Motto gewesen zu sein. Zum ersten Mal fand das von der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz Rheinland-Pfalz e. V. initiierte Landesfest statt. Drei Bands aus Trier, Seeheim-Jugenheim und Mainz standen auf dem Programm. Krönender Abschluss: Das Trio Cholet-Känzig-Papaux aus der französischen Partnerregion Burgund.

Ein vielversprechender Abend mit Musik auf hohem Niveau. Aber immer schön der Reihe nach. Den Anfang machte kurz nach 19 Uhr die Bachband. Swingend, spielfreudig und entspannt wandern die fünf Musiker um Frontmann Ralf Bach stilistisch quer durch den Gemüsegarten. Ganz gleich ob mit Hardbop, Blues, Ausflügen in Richtung 12-Ton-Musik oder der orientalisch angehauchte Nummer „Maghreb“, für die Klaus Doldingers „Passport To Morocco“ Pate gestanden haben könnte: Die Band überzeugt, besonders gefallen die beiden Blechbläser, Helmut „Daisy“ Becker an Trompete und Flügelhorn und Stefan Reinholz am Sax. Fast eine ganze Stunde spielen die Trierer.

Nächster Programmpunkt: Das Andreas Hertel Quintett. „Dass wir von der Fachjury der Landesarbeitsgemeinschaft Jazz unter allen Bewerbern für das Landesjazzfest Rheinland-Pfalz auf den ersten Platz gewählt wurden, ist für mich als Musiker und Komponist eine schöne Anerkennung“, sagt der sympathische Leiter des Quintetts. „Es macht mir einfach am meisten Spaß, mit anderen zusammen zu spielen und zu improvisieren, denn das ist der Grund, warum ich Musiker geworden bin – und das Spielen ist eines meiner Lebenselixiere. Diese Freude möchte ich natürlich mit dem Publikum teilen!“ Und das tun der virtuose Pianist und seine Bandkollegen zweifelsohne – und zwar auf hohem Niveau. Dabei sind alle fünf Musiker, die sich alle während des Studiums an der Musikhochschule Mainz kennengelernt haben, absolute Meister ihres Fachs.Perlende Improvisationen, groovende Rhythmen, tolle Harmoniefolgen – und vor allem grandiose Soli prasseln nur 35 Minuten auf das Publikum ein, das nicht mit Applaus geizt und sicher gerne noch ein, zwei Songs als Zugabe gehört hätte.

Nach einer weiteren Umbaupause ist Stefanie Wagners Quinsch an der Reihe. Die aus Seeheim-Jugenheim stammende Flötistin beweist eindrucksvoll, dass ein Jazz-Quintett nicht zwingend eine Trompete braucht. Ganz im Gegenteil: Schon die erste Nummer „McCoy“, inspiriert vom Jazzpianisten McCoy Tyner überzeugt auf Anhieb – und die virtuos gespielte Querflöte lässt nichts vermissen. Die Eigenkompositionen der charismatischen Bandleaderin klingen abwechslungsreich und vielschichtig, präsentieren sich teils als flotter Bossa oder im halsbrecherischen 7/4-Takt. Mit einem Exkurs in verschiedene Spieltechniken, bei dem Stefanie Wagner der Querflöte durch Summen, Singen und Klopfen die verschiedensten Klänge entlockt, verabschieden sich die Künstler nach etwas mehr als einer halben Stunde vom hochzufriedenen Publikum.

Kurz vor 23 Uhr – die Reihen haben sich schon merklich gelichtet – kommt das Trio Cholet-Känzig-Papaux auf die Bühne. Die drei Musiker aus dem Burgund präsentieren harmonie- und detailverliebten Modern-Jazz in der klassischen Trio-Besetzung Schlagzeug, Bass und Klavier. Am Ende krönt ein zwanzig-minütiges Stück den Auftritt. Doch das Publikum hat gar nicht die Chance nach einer Zugabe zu rufen, die Musiker winken gleich ab und die Lichter gehen an. Kein Wunder, denn nach fast fünf Stunden im Frankfurter Hof hat die Aufnahmefähigkeit der meisten Zuhörer schon merklich abgenommen – schließlich stand den Abend über ja nicht gerade Easy Listening Musik auf dem Programm. Ein ganztägiges Festival mit mehreren Konzerten, längeren Pausen und Auftritten, bei denen auch Zeit für eine Zugabe bleibt, hätte sicher gut getan. Aber vielleicht beim nächsten Mal, denn eine Fortsetzung des Festivals im kommenden Jahr ist bereits geplant. Vielleicht dann unter dem Motto „Man soll immer aufhören, wenn es am Schönsten ist!“

In geheimer Mission: Operation Mastermind präsentieren ihr Debüt-Album „Too Much Is Not Enough“

Der Name ist Mastermind. Operation Mastermind. Die Mission: Den „ultimativen Groove“ finden und auf CD zu pressen. Ob das gelungen ist? Auf dem Cover präsentiert sich das Trio jedenfalls schon mal in bester James Bond Manier. Und auch die Namen der Bandmitglieder klingen verdächtig nach alten Geheimagenten-Schinken. Bester Beweis: Sängerin Bunny Bonebreaker. Zusammen mit Keyboarder CT Harbourlubber und Gitarrist Curly Wisenheimer entstand nun das Debüt-Album „Too Much Is Not Enough“.

Insgesamt 13 Tracks umfasst der Longplayer, darunter drei Remixe. Operation Mastermind präsentieren auf ihrem Erstlingswerk einen Stilmix irgendwo zwischen Chillout, Dub und einer Portion Trip-Hop, dazu noch eine Portion Weltmusik und ein paar groovende Rhythmen. Teilweise sind die Songs sehr aufwändig und vielschichtig arrangiert, so zum Beispiel Song Nummer 1 „Paradise“, der gleichzeitig auch die erste Single-Auskopplung ist. Hier gesellt sich ein indisches Tabla zu einer tiefen Flöte, dazu ein paar schöne Gitarren-Akkorde und ein funkiger Groove, ergänzt um sorgfältig ausgewählte Percussions vom Tamburin über die Guiro bis hin zur Triangel. Das schafft Abwechslung und ist eine erfrischende Abwechslung zum glatt produzierten Einheitsbrei vieler Chart-CDs. Kaum ein Track gleicht dem anderen, Langeweile kommt definitiv nicht auf. Die einzige Konstante aller Songs ist ihre Lässigkeit. Und auch der Gesang von Bunny Bonebreaker kann durchaus überzeugen. Mal flüsternd verzerrt, mal forsch und druckvoll gibt sie Operation Mastermind ihre Stimme.

„Too Much Is Not Enough“ ist keine CD, die sich gleich beim ersten Mal öffnet oder erschließt. Man muss schon etwas bewusster hinhören, um all die kleinen Details der Musik wahrzunehmen – und entdeckt auch nach mehrmaligem Abspielen immer wieder neue Dinge. Fazit: Hörenswert – nicht nur für Fans von Morcheeba, Massive Attack und Co.

Manchmal ist weniger mehr – Michael Kaeshammer im Wiesbadener Kurpark

Nicht nur die Sonne lacht, als Michael Kaeshammer am Abend des 30. Juli die Bühne im Wiesbadener Kurpark betritt. Die Stimmung ist blendend und die Location liefert beste Voraussetzungen für einen tollen Konzertabend. Als der Deutsch-Kanadier sein Publikum mit ein paar Brocken Deutsch begrüßt, ist der weibliche Teil des Publikums seinem spitzbübischem Charme bereits erlegen. Und spätestens nach dem die ersten Songs erklingen und Kaeshammer das erste Solo in die Tasten haut, wird klar: Der Mann ist ein echter Entertainer, hat Talent im Überfluss und spielt auf einem absoluten Top-Niveau.

Boogie-Woogie ist sein Ding. Ganz klar. Das kann er, auf diesem Terrain fühlt er sich am Wohlsten. Wie auf seinem aktuellen Longplayer „Lovelight“ unternimmt der Musiker zwar immer wieder Ausflüge zu anderen Stilrichtungen, kehrt aber doch recht schnell wieder in die Welt von Fats Waller, Meade Lux Lewis und dem charakteristischen Bluesschema zurück. Leider kann er der großen musikalischen Bandbreite des Albums nicht vollends gerecht werden, einen Tick zu häufig fällt er in den Boogie Woogie-Stil zurück. Die Improvisationen indes sind brillant, die Töne zischen nur so von der Bühne, die Präzision und das Tempo sind atemberaubend. Dabei reiht sich Piano-Solo an Piano-Solo – drei, vier, fünf Minuten lang, kein Lied kommt ohne aus. Und genau da liegt das Problem. Denn das, was bei vielen Konzerten – meist aus Mangel an Talent – zu kurz kommt, übertreibt der Mann am Flügel zuweilen. Kaeshammer, der sich nach außen betont lässig gibt, strotzt nur so vor Kraft und Können, wirkt aber durch die andauernden Soli wie unter permanentem Rechtfertigungszwang, scheint sich mit jedem neuen Song selbst übertreffen zu müssen – obwohl das Publikum ihm sein großartiges Talent bereits ab der ersten Minute anerkennt und absolut nicht mit Applaus geizt.

Schnelle und temporeiche Songs bestimmen die erste Hälfte des Konzerts. Nur bei der Ballade „People Get Ready“, die den meisten durch die Version von Rod Steward bekannt sein dürfte, dominieren ein paar Minuten lang die ruhigeren Töne. Doch dann geht’s wieder voll zur Sache. Kaeshammer gestikuliert, tritt mit dem Fuß auf, klatscht, wirft sich vor und zurück, treibt die Band an und schaukelt mit dem Klavierhocker von links nach rechts. Die Musiker machen ihre Sache gut, allen voran „Rhythmus-Maschine“ Mark McLean am Schlagzeug und Marc Rogers am Bass. Die Bläser-Sektion hat leider wenig Raum, doch wenn die drei Jungs spielen, dann druckvoll und mit viel Leidenschaft. Nach dem Titeltrack des Albums „Lovelight“ und einem musikalischen Ausflug in die Südstaaten mit „If You’re Going To New Orleans“ ist Pause.

Die zweite Halbzeit startet sehr verheißungsvoll mit „Goodbye“, ebenfalls vom aktuellen Album. Nach der Ballade „Dawn’s Song“, die für mich noch immer Parallelen zu „Stille Nacht“ aufweist, liefern sich der „Piano-Man“ und Drummer McLean ein furioses Frage- und Antwort-Spiel, bei dem der Schlagzeuger eine extra bereitgestellte Snare-Drum malträtiert – und Kaeshammer die Tasten bearbeitet. Das macht Spaß, die Stimmung im Publikum wird immer besser. Als der talentierte Musiker „Do You Know What It Means To Miss New Orleans“ anspielt, singen die Ersten mit. Kurz vor 22 Uhr ist das Publikum voll eingegroovt. Alle warten auf eine Zugabe. Doch um zehn ist Schluss, ein Tribut an die klagefreudigen Anwohner der Parkstraße, die auch am Freitag Abend ihre Ruhe wollen. „Three minutes left!“ ruft es aus dem Publikum. „Three minutes?“ Das lässt sich Kaeshammer nicht zweimal sagen, pfeift seine Musiker zurück auf die Bühne und präsentiert eine herrlich swingende Nummer als krönenden Abschluss. Drei Minuten lang. Zeit für ein ausgedehntes Piano-Solo bleibt keine – und trotzdem klingt es großartig! Es geht doch…

Präzision trifft Tempo: Das James Carter Quintet begeistert im Rüsselsheimer Stadttheater

James Carter gehört zu den ganz Großen unter den Jazz-Saxophonisten. Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung, als der in Detroit geborene Musiker am 25. Juli mit seinem „James Carter Quintet“ Station im Rüsselsheimer Stadttheater machte. Selbst der ehemalige Verteidigungs-Minister Franz-Josef Jung war gekommen, um dem Konzertereignis beizuwohnen.

Und die Erwartungen wurden mehr als erfüllt: Alle fünf Musiker präsentieren sich auf höchstem Niveau, sind absolute Meister ihres Fachs und gehen mit schier unglaublicher Präzision zu Werke – kein Wunder, dass das Konzert vom Deutschlandfunk mitgeschnitten wurde. Dabei sind die Songs wie „Bossa J. C.“ oder „Sussa Nita“, die zum Großteil aus dem aktuellen Album „Present Tense“ stammen, nur so gespickt mit grandiosen Solo-Einlagen, virtuosen Improvisationen und strotzen vor herrlich swingendem Groove. James Carter kennt das Saxophon in- und auswendig, hat sein Instrument perfekt unter Kontrolle, entlockt ihm dumpfe, helle, teils schreiende und quietschende Töne, die sich zu einem heiseren Röhren steigern und dem Publikum einiges abfordern. Dann wechselt er zur Querflöte, lässt die Arpeggien in ungeahnte Höhen perlen – und nimmt sich bei der nächsten Nummer die Klarinette vor. Hier und da schüttelt er mal eben noch Melodien aus Gershwins „Summertime“ oder Stevie Wonders „Isn’t She Lovely“ aus dem Ärmel – Grandios.

Das Tempo, welches er und seine Musiker mitunter gehen, sprengt alle Grenzen. Und trotzdem bleibt Zeit für kleine Scherze unter Kollegen. Die Stimmung auf der Bühne ist super, es wird viel gelacht. Besonders gefallen haben mir Trompeter Corey Wilkes, der mit erstklassigen Soli für Begeisterung sorgt und Gerard Gibbs am Flügel. Und auch der Pianist geht nicht gerade zimperlich mit seinem Instrument um, entpuppt sich als ein wahrer Tasten-Quäler, der gerne mal mit dem Ellenbogen nachhilft um das Klangerlebnis perfekt zu machen. Drummer Leonard King behält auch in hektischen Passagen den Überblick, Ralphe Armstrong zupft, streich(el)t und klopft die Saiten seines Kontrabasses absolut souverrän und bekommt mehrfach Szenenapplaus für sein Können.

Nach rund 100 Minuten verabschiedet sich das Quintett, für eine Zugabe kommen nur Carter und Bass-Mann Armstrong zurück. Es folgt der fröhlich swingende Song „Living My Life“, in dem sich Saxophon und Bass wunderbar ergänzen und gegenseitig zitieren. Ein gekonnter Schlusspunkt für ein großartiges Konzert.