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Manchmal ist weniger mehr – Michael Kaeshammer im Wiesbadener Kurpark

Nicht nur die Sonne lacht, als Michael Kaeshammer am Abend des 30. Juli die Bühne im Wiesbadener Kurpark betritt. Die Stimmung ist blendend und die Location liefert beste Voraussetzungen für einen tollen Konzertabend. Als der Deutsch-Kanadier sein Publikum mit ein paar Brocken Deutsch begrüßt, ist der weibliche Teil des Publikums seinem spitzbübischem Charme bereits erlegen. Und spätestens nach dem die ersten Songs erklingen und Kaeshammer das erste Solo in die Tasten haut, wird klar: Der Mann ist ein echter Entertainer, hat Talent im Überfluss und spielt auf einem absoluten Top-Niveau.

Boogie-Woogie ist sein Ding. Ganz klar. Das kann er, auf diesem Terrain fühlt er sich am Wohlsten. Wie auf seinem aktuellen Longplayer „Lovelight“ unternimmt der Musiker zwar immer wieder Ausflüge zu anderen Stilrichtungen, kehrt aber doch recht schnell wieder in die Welt von Fats Waller, Meade Lux Lewis und dem charakteristischen Bluesschema zurück. Leider kann er der großen musikalischen Bandbreite des Albums nicht vollends gerecht werden, einen Tick zu häufig fällt er in den Boogie Woogie-Stil zurück. Die Improvisationen indes sind brillant, die Töne zischen nur so von der Bühne, die Präzision und das Tempo sind atemberaubend. Dabei reiht sich Piano-Solo an Piano-Solo – drei, vier, fünf Minuten lang, kein Lied kommt ohne aus. Und genau da liegt das Problem. Denn das, was bei vielen Konzerten – meist aus Mangel an Talent – zu kurz kommt, übertreibt der Mann am Flügel zuweilen. Kaeshammer, der sich nach außen betont lässig gibt, strotzt nur so vor Kraft und Können, wirkt aber durch die andauernden Soli wie unter permanentem Rechtfertigungszwang, scheint sich mit jedem neuen Song selbst übertreffen zu müssen – obwohl das Publikum ihm sein großartiges Talent bereits ab der ersten Minute anerkennt und absolut nicht mit Applaus geizt.

Schnelle und temporeiche Songs bestimmen die erste Hälfte des Konzerts. Nur bei der Ballade „People Get Ready“, die den meisten durch die Version von Rod Steward bekannt sein dürfte, dominieren ein paar Minuten lang die ruhigeren Töne. Doch dann geht’s wieder voll zur Sache. Kaeshammer gestikuliert, tritt mit dem Fuß auf, klatscht, wirft sich vor und zurück, treibt die Band an und schaukelt mit dem Klavierhocker von links nach rechts. Die Musiker machen ihre Sache gut, allen voran „Rhythmus-Maschine“ Mark McLean am Schlagzeug und Marc Rogers am Bass. Die Bläser-Sektion hat leider wenig Raum, doch wenn die drei Jungs spielen, dann druckvoll und mit viel Leidenschaft. Nach dem Titeltrack des Albums „Lovelight“ und einem musikalischen Ausflug in die Südstaaten mit „If You’re Going To New Orleans“ ist Pause.

Die zweite Halbzeit startet sehr verheißungsvoll mit „Goodbye“, ebenfalls vom aktuellen Album. Nach der Ballade „Dawn’s Song“, die für mich noch immer Parallelen zu „Stille Nacht“ aufweist, liefern sich der „Piano-Man“ und Drummer McLean ein furioses Frage- und Antwort-Spiel, bei dem der Schlagzeuger eine extra bereitgestellte Snare-Drum malträtiert – und Kaeshammer die Tasten bearbeitet. Das macht Spaß, die Stimmung im Publikum wird immer besser. Als der talentierte Musiker „Do You Know What It Means To Miss New Orleans“ anspielt, singen die Ersten mit. Kurz vor 22 Uhr ist das Publikum voll eingegroovt. Alle warten auf eine Zugabe. Doch um zehn ist Schluss, ein Tribut an die klagefreudigen Anwohner der Parkstraße, die auch am Freitag Abend ihre Ruhe wollen. „Three minutes left!“ ruft es aus dem Publikum. „Three minutes?“ Das lässt sich Kaeshammer nicht zweimal sagen, pfeift seine Musiker zurück auf die Bühne und präsentiert eine herrlich swingende Nummer als krönenden Abschluss. Drei Minuten lang. Zeit für ein ausgedehntes Piano-Solo bleibt keine – und trotzdem klingt es großartig! Es geht doch…

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Singin’ in the rain: Milow spielt bei strömendem Regen auf der Zitadelle – Grandiose Vorband Yodelice verzaubert das Mainzer Publikum

Der Himmel ist wolkenverhangen, als Sänger Yodelice, eigentlich Maxime Nouchy, mit seiner dreiköpfigen Band die Bühne im Innenhof der Mainzer Zitadelle betritt. Es sieht verdächtig nach Regen aus. Mit gemischten Gefühlen lauschen die Konzertbesucher deshalb den ersten Takten, doch dann wird klar: Die Jungs können richtig was! Und zwar nicht zu knapp: Emotional, melancholisch, gleichzeitig aber auch rockig und sehr kraftvoll gehen die Franzosen zu Werk. Kein Bass, dafür ein Cello, die Bassdrum spielt der Frontmann meist selbst und die Kostüme plus Make-up scheinen direkt aus der Garderobe von Tim Burtons „Alice im Wunderland“ zu stammen. Die Musik ist definitiv etwas Besonderes, sie reißt mit, begeistert – vor allem, weil niemand mit einem solchen Konzert gerechnet hat. Das Publikum feiert die Musiker frenetisch, die 45 Minuten gehen viel zu schnell vorbei.

Zur Pause kommt der Regen. Erst in ein paar Tropfen, dann stärker, schließlich gießt es wie aus Eimern. Um kurz nach 20 Uhr betritt die Band die Bühne. Milow selbst ist noch nicht zu sehen, aber zu hören. Unter tosendem Applaus kommt der 28-jährige Belgier nach vorne, bedankt sich bei seinen Fans und verspricht, so lange zu spielen, bis das der Regen aufhört. Ob er das halten kann? Abwarten. Denn erstmal gibt Milow, mit bürgerlichem Namen Jonathan Vandenbroeck, seine Songs zum Besten, spielt in seinem unverwechselbar perkussiven Stil die Gitarre und singt dazu mal laut und ausdrucksstark, mal leise und hochemotional.

Das Programm präsentiert sich als gut ausgewählter Mix aus Songs seiner Alben „Milow“ und „The Bigger Picture“, darunter „Canada“, „Until The Morning Comes“ oder „One Of It“, sein erster großer Hit. Und auch wenn sich die meisten am Regenschirm festhalten oder die nassen Haare aus der Stirn wischen: Plötzlich sind alle Hände oben und die Ersten singen mit. Milow lacht, freut sich und spricht seinen vom Regen gepeinigten Zuhörern Mut zu. Unterstützt wird er von seiner fünfköpfigen Band, die zwar gut gefällt, aber sicherlich ein paar Soli mehr hätte bringen können. Schön: Immer wieder kommen Zitate von Songs wie Van Morrissons „Brown Eyed Girl“ oder „Knockin’ On Heavens Door“ zum Vorschein, selbst der Deep Purple-Klassiker „Smoke On The Water“ wird gekonnt eingebaut.

Nach ein paar Songs bekommt die Band eine kurze Auszeit: Nur noch Milow, seine Gitarre und Background-Sängerin Nina Babet sind auf der Bühne. Begeisterung bricht los, als er die ersten Töne seiner Ballade „Out Of My Hands“ anstimmt, der erst kürzlich als Duett zusammen mit Marit Larsen veröffentlicht wurde. Und dann passiert etwas Magisches: Für einen Augenblick ist es mucksmäuschenstill – nur das Prasseln des Regens ist zu hören, dazu die warme Stimme von Milow und ein ausklingender Gitarrenakkord. Als der Belgier zum Refrain ansetzt, singt die ganze Menge mit: „Out of my reach, out of my hands… I didn’t understand…“ – Gänsehaut-Feeling pur! Keine Minute später sind die ersten Wunderkerzen angezündet, ein herrliches Gefühl macht sich trotz – oder gerade wegen – des immer stärker werdenden Regens bemerkbar.

Es folgen die beiden großen Hits, zuerst „You Don’t Know“, dann das R&B-Cover „Ayo Technology“. Letzterer in einer zehnminütigen Version, für die sich der Künstler sogar selbst in den Regen begibt und zusammen mit seinen Fans vor der Bühne feiert. Fast 90 Minuten spielt Milow das reguläre Programm. Dann folgen die Zugaben. Wo andere nach drei lieblosen Minuten das Handtuch werfen, drehen der Mann an der Gitarre und seine Band noch mal so richtig auf: Auf „In My Pocket“ folgt die emotionale Ballade „Launching Ships“, Zugabe Nummer drei ist „Building Bridges“. Die ersten wollen schon hochzufrieden den Heimweg antreten, da wird klar: Eine(r) geht noch!

Nach vier Zugaben und fast 110 Minuten Spielzeit gehen die Lichter dann definitiv aus, der Regen indes macht weiter. Sein Versprechen hat der sympathische Belgier also nicht halten können. Böse wird ihm trotzdem keiner sein – so viel steht mal fest.