Schlagwort-Archive: Pop

Frankreich, Frankreich.

bonheur&melancholie_rustyIn Sache Musik sind die Franzosen ja schon immer eigene Wege gegangen. Sei es über die Quote, die den nationalen Radiosendern vorschreibt, wie häufig sie französische Lieder spielen müssen, sei es über die großen Chansonniers wie Jacques Brel oder Edith Piaf und Paradiesvögel wie Serge Gainsbourg. Und doch: Nur selten schafft es eine der musikalischen Kreationen unserer westlichen Nachbarn in die deutschen Charts.

Die Kölner DJs und Produzenten Piet Blank und Jaspa Jones haben mit „Bonheur & Melancholie“ nun einen Sampler zusammengestellt, der eine Hommage an die aktuelle Popmusik der „Grande Nation“ ist. Auch wenn dem ein oder anderen die Interpreten unbekannt sein mögen: Das Reinhören lohnt sich allemal. Denn irgendwo zwischen den elektrischen Synthie-Beats von Loane oder den rein akustischen Balladen von Benjamin Biolay ist sie versteckt: Die „bittere Süße“, die Sehnsucht, die Aussichtslosigkeit, die die „amour fou“, die verrückte, manchmal unerwiderte Liebe ohne Perspektive auf Happy End mit sich bringt.

Und doch wohnt der Musik von „Bonheur & Melancholie“ etwas sehr positives, lebensbejahendes, legères inne. Fast so, wie ein sonniger Tag im Frühherbst, mit dem sich der ausklingende Sommer verabschiedet. Von daher passt die Copilation, auf der übrigens auch der ein oder andere Song von Blank & Jones selbst zu finden ist, ausgezeichnet in den Oktober.

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Es weihnachtet schwer: Der rusty-pictures CD-Tipp zum Fest

Die Weihnachtszeit ist für Musikfreunde wahrlich kein Zuckerschlecken: „Last Christmas“ und „Do They Know It’s Christmas Time“ klettern in den Charts wieder gefährlich weit nach oben – und auf den Weihnachtsmärkten der Republik geben mäßig talentierte Blasorchester klassische Weihnachtslieder zum Besten, die sich klangmalerisch irgendwo zwischen Freejazz und ertrinkender Katze bewegen. Aber: Es gibt einen Ausweg! Denn da sind tatsächlich noch Künstler, die sich beharrlich weigern, zur Weihnachtszeit ein langweiliges „Best of“ auf CD zu pressen. Statt dessen liefern sie ein astreines Album ab, mit dem man entweder seine Liebsten – oder aber sich selbst beschenken kann.

Einer dieser Künstler ist Paul Carrack. Der britische Sänger war früher eimal Frontmann der Pop-Band Mike & The Mechanics – ist aber seit vielen Jahren mit eigener Band und anderen spannenden Projekten unterwegs. Sein neuester Coup: Die CD „A Different Hat“, aufgenommen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Das zwölf Songs umfassende Album besticht durch grandios arrangierte Balladen mit warmen Streicherflächen, darunter Evergreens wie Randy Newmans „I Think It’s Going To Rain Today“ oder „Moon River“, aber auch Interpretationen eigener Songs wie „Eyes Of Blue“. Fein abgerundet wird die exquisite Zusammenstellung durch ein paar swingende Stücke im Big-Band Style. Hörenswert sind hier vor allem „All The Way“ und „I Don’t Know Enough About You“. Überraschend wandlungsfähig präsentiert sich Carrack mit seiner Stimme, die das opulente Klangwerk des Orchesters perfekt zu führen scheint. Dass „A Different Hat“ Mitte November erschienen ist, passt perfekt. Denn die Musik wirkt winterlich, streckenweise sogar fast weihnachtlich, jedoch ohne dabei den allgegenwärtigen Niveau-Limbo vieler seiner Kollegen mitzuspielen. Damit ist CD geradezu prädestiniert fürs Fest und bekommt von mir das Prädikat: „Für kalte Tage wärmstens zu empfehlen“!

Princess Charming: Fredrika Stahl zu Gast in der Frankfurter Brotfabrik

Ein nasskalter Abend, mitten im November – und noch dazu ein Montag. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Konzert, denn unter diesen Bedingungen bleiben die Meisten wohl doch lieber zuhause. Doch Fredrika Stahl scheint seit ihrem ersten Album an Bekanntheit gewonnen zu haben – und so kam es, dass die Schwedin vor ausverkauftem Haus auftreten konnte.

Trotz des großen Andrangs herrscht von Beginn an eine sehr intime Stimmung. Fast schon könnte man von heimeliger Club-Atmosphäre sprechen, denn Fredrika hat außer dem Flügel und ihrer Stimme nur den Pariser Gitarristen Rémy mit auf der Bühne. Los geht es mit einer Viertelstunde Verspätung und dem Titeltrack des kürzlich erschienenen Albums „Sweep Me Away“, einer sanften Ballade, gefolgt von Songs wie „Fast Moving Train“, „Rocket Trip To Mars“ oder „Fling On Boy“. Sie macht ihre Sache gut, die Bandbreite der Stimme reicht von messerscharf bis samtweich. Bei manchen Passagen wirkt sie zwar ein wenig unsicher und verschluckt die hohen Töne, doch das macht sie mit ihrem charmanten Augenaufschlag in Sekundenbruchteilen wieder wett. Überhaupt kokettiert sie zwischen den Liedern mit dem Bild des zarten, weiblichen Wesens und umgarnt ihr Publikum. Doch sie kann auch anders: Beim Refrain von „What If?“ singt sie laut und energisch, stampft mit dem Fuß auf und wechselt gekonnt zwischen Kopf- und Bruststimme – nur um in den Strophen wieder die leisen Töne ins Mikro zu hauchen.

Meist sitzt die Schwedin am Flügel, für ein paar der Songs steht sie jedoch zum Singen auf und überlässt die musikalische Untermalung dem Mann an der Gitarre, der sich maßvoll für die Protagonistin zurückzunehmen weiß – aber sicher noch ein wenig mehr gekonnt hätte. Zwischenfazit: Seit dem Studio-Album „Tributaries“ hat Fredrika zwar gesangtechnisch und musikalisch eine ganze Schippe draufgelegt – aber Luft nach oben bleibt dennoch. Und das geht auch absolut in Ordnung, denn so furchtbar lange ist die 25-jährige ja nun auch noch nicht im Geschäft.

Das Publikum indes ist begeistert. Erst nach drei Zugaben, darunter eine ganz spezielle Version von „Twinkle, Twinkle, Little Star“ und „Stuck On A Stranger“, lassen die Zuhörer applaustechnisch von der Künstlerin ab. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen schönen Abend – und die Erkenntnis, dass von Fredrika Stahl bestimmt noch viel (Gutes) zu hören sein wird.

Singin’ in the rain: Milow spielt bei strömendem Regen auf der Zitadelle – Grandiose Vorband Yodelice verzaubert das Mainzer Publikum

Der Himmel ist wolkenverhangen, als Sänger Yodelice, eigentlich Maxime Nouchy, mit seiner dreiköpfigen Band die Bühne im Innenhof der Mainzer Zitadelle betritt. Es sieht verdächtig nach Regen aus. Mit gemischten Gefühlen lauschen die Konzertbesucher deshalb den ersten Takten, doch dann wird klar: Die Jungs können richtig was! Und zwar nicht zu knapp: Emotional, melancholisch, gleichzeitig aber auch rockig und sehr kraftvoll gehen die Franzosen zu Werk. Kein Bass, dafür ein Cello, die Bassdrum spielt der Frontmann meist selbst und die Kostüme plus Make-up scheinen direkt aus der Garderobe von Tim Burtons „Alice im Wunderland“ zu stammen. Die Musik ist definitiv etwas Besonderes, sie reißt mit, begeistert – vor allem, weil niemand mit einem solchen Konzert gerechnet hat. Das Publikum feiert die Musiker frenetisch, die 45 Minuten gehen viel zu schnell vorbei.

Zur Pause kommt der Regen. Erst in ein paar Tropfen, dann stärker, schließlich gießt es wie aus Eimern. Um kurz nach 20 Uhr betritt die Band die Bühne. Milow selbst ist noch nicht zu sehen, aber zu hören. Unter tosendem Applaus kommt der 28-jährige Belgier nach vorne, bedankt sich bei seinen Fans und verspricht, so lange zu spielen, bis das der Regen aufhört. Ob er das halten kann? Abwarten. Denn erstmal gibt Milow, mit bürgerlichem Namen Jonathan Vandenbroeck, seine Songs zum Besten, spielt in seinem unverwechselbar perkussiven Stil die Gitarre und singt dazu mal laut und ausdrucksstark, mal leise und hochemotional.

Das Programm präsentiert sich als gut ausgewählter Mix aus Songs seiner Alben „Milow“ und „The Bigger Picture“, darunter „Canada“, „Until The Morning Comes“ oder „One Of It“, sein erster großer Hit. Und auch wenn sich die meisten am Regenschirm festhalten oder die nassen Haare aus der Stirn wischen: Plötzlich sind alle Hände oben und die Ersten singen mit. Milow lacht, freut sich und spricht seinen vom Regen gepeinigten Zuhörern Mut zu. Unterstützt wird er von seiner fünfköpfigen Band, die zwar gut gefällt, aber sicherlich ein paar Soli mehr hätte bringen können. Schön: Immer wieder kommen Zitate von Songs wie Van Morrissons „Brown Eyed Girl“ oder „Knockin’ On Heavens Door“ zum Vorschein, selbst der Deep Purple-Klassiker „Smoke On The Water“ wird gekonnt eingebaut.

Nach ein paar Songs bekommt die Band eine kurze Auszeit: Nur noch Milow, seine Gitarre und Background-Sängerin Nina Babet sind auf der Bühne. Begeisterung bricht los, als er die ersten Töne seiner Ballade „Out Of My Hands“ anstimmt, der erst kürzlich als Duett zusammen mit Marit Larsen veröffentlicht wurde. Und dann passiert etwas Magisches: Für einen Augenblick ist es mucksmäuschenstill – nur das Prasseln des Regens ist zu hören, dazu die warme Stimme von Milow und ein ausklingender Gitarrenakkord. Als der Belgier zum Refrain ansetzt, singt die ganze Menge mit: „Out of my reach, out of my hands… I didn’t understand…“ – Gänsehaut-Feeling pur! Keine Minute später sind die ersten Wunderkerzen angezündet, ein herrliches Gefühl macht sich trotz – oder gerade wegen – des immer stärker werdenden Regens bemerkbar.

Es folgen die beiden großen Hits, zuerst „You Don’t Know“, dann das R&B-Cover „Ayo Technology“. Letzterer in einer zehnminütigen Version, für die sich der Künstler sogar selbst in den Regen begibt und zusammen mit seinen Fans vor der Bühne feiert. Fast 90 Minuten spielt Milow das reguläre Programm. Dann folgen die Zugaben. Wo andere nach drei lieblosen Minuten das Handtuch werfen, drehen der Mann an der Gitarre und seine Band noch mal so richtig auf: Auf „In My Pocket“ folgt die emotionale Ballade „Launching Ships“, Zugabe Nummer drei ist „Building Bridges“. Die ersten wollen schon hochzufrieden den Heimweg antreten, da wird klar: Eine(r) geht noch!

Nach vier Zugaben und fast 110 Minuten Spielzeit gehen die Lichter dann definitiv aus, der Regen indes macht weiter. Sein Versprechen hat der sympathische Belgier also nicht halten können. Böse wird ihm trotzdem keiner sein – so viel steht mal fest.