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Mittendrin statt nur dabei: Pat Appleton präsentiert zweites Solo-Album

Soulmusik auf Deutsch, daran haben sich schon viele versucht. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Heute habe ich das neue Album „Mittendrin“ von Pat Appleton bekommen – und eine Zugfahrt in den Süden steht an. Perfekt. Denn die 90 Minuten im ICE lassen sich mit Musik besser aushalten.

Und während wir Frankfurt langsam hinter uns lassen, liegen rund 40 Minuten deutsche Soulmusik vor mir. Pat Appleton, geboren in Aachen, mit sechs Jahren in die Heimat ihres Vaters, Liberia übergesiedelt und mit 18 wieder zurück nach Deutschland gekommen, hat schon viel gemacht. Immer wieder war sie Stimme von De-Phazz oder tourt mit dem Bahama Soul Club – unvergesslich ihr Auftritt auf dem Aalener Jazzfest 2009. Aber auch Songs mit Jazzkantine und den Nighthawks schmücken die Discografie. „Mittendrin“ ist ihr zweites Album, das in den Wintermonaten von 2009 bis 2010 entstand. Neben dem typisch souligen Sound, der mehr nach Blues, Pop und Rock als nach Funk klingt, sind es vor allem die deutschen Texte, die hinhören lassen. Dabei versteht sich Pat Appleton nicht als Lyrikerin, die mit großen Worten um sich wirft, sondern überzeugt mit authentischen Berichten und detailverliebten Beobachtungen, die ganz en passant für große Gefühle sorgen. Trotzdem bleibt Zeit für eine kleine Portion Augenzwinkern und Ironie – zum Beispiel im Song „Niemals“, der die Verwandlung vieler frischgebackener Eheleute zu Spießern auf die Schippe nimmt. Oder im Eröffnungstrack „Weißmehl“ – der eine groovende Liebeserklärung an Paris ist: „…doch diese Stadt war pures Gold für meine armen Hüften…“. Aber auch leisere Töne liegen der Künstlerin mit der warmen Stimme. Beim sanften Song „Geborgenheit“ gesteht sie, dass es doch eher die kleinen Dinge sind, die wirklich zählen – und glücklich machen.

Zusammen mit ihrem Produzenten Tobias Bublat ist Pat Appleton ein absolut hörenswertes und abwechslungsreich instrumentiertes Album gelungen, das nicht nur Fans von Stefan Gwildis, Roger Cicero, Max Mutzke & Co ans Herz gelegt sei. Die Bahnfahrt ist übrigens noch lange nicht zu Ende – Verspätung seit Mannheim. Gut für mich, denn so kann ich mich zurücklehnen und noch ein wenig länger zuhören.

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Je me souviens: Ein Wochenende beim Montreux Jazz-Festival 2010

Eigentlich müsste man sich für das Montreux Jazz-Festival zwei komplette Wochen frei nehmen. Denn das, was Festival-Initiator Claude Nobs und sein Team in diesem Jahr an den Genfer See eingeladen hatten, liest sich wie das “Who Is Who” der internationalen Musikszene. Und wie bei kaum einem anderen Festival haben es die Macher geschafft, die unterschiedlichsten Stilrichtungen und scheinbar größten musikalischen Gegensätze auf einem Event zu vereinen. In friedlicher Koexistenz treten Phil Collins, Missy Elliott, Norah Jones, Elvis Costello, Diana Krall oder die Hip Hop-Urgesteine von De La Soul auf, flankiert von unzähligen kostenlosen Newcomer-Konzerten, Workshops, Zügen oder sogar Schiffen. Und eins ist mal klar: Langweilig wird es dabei garantiert nicht.

Zur Festival-Zeit befindet sich ganz Montreux im Ausnahme-Zustand: Überall wuselt und wimmelt es, jung und alt sind unterwegs. Und zwischen den Gigs muss auch niemand verhungern oder verdursten, denn die Uferpromenade am See bietet ein reichhaltiges kulinarisches Angebot – und eine traumhafte Kulisse mit den französischen und Schweizer Alpen.

Am Samstag, den 10. Juli steht in der Miles Davis Hall Reggae auf dem Programm. Den Anfang sollten eigentlich Luciano, Turbulence und The Jah Messenjah Band machen. Doch die waren kurzfristig verhindert, so dass die Reggae-Band Moonraisers aus Neuchâtel an den Genfer See gekommen war. Pünktlich um 20.30 Uhr geht es los – und schon beim ersten Song machen die Schweizer klar, dass sie alles anderes als eine Zweitbesetzung sind. Didgeridoo, Drum-Solo und coole Lichteffekte machen “My Dream Is To Fly, Over The Rainbow, So High” zu einem echten Kracher gleich zu Beginn. Und dann zünden die Jungs und zwei Background-Sängerinnen auf der Bühne ein echtes Reggae-Feuerwerk, das zum Teil sogar richtig funky klingt. Die Bläser klingen messerscharf, der Bass groovt und die Percussions sorgen für den nötigen Rhythmus. Eigentlich untypisch für diese Stilrichtung sind die zahlreichen Gitarren-Soli, die aber trotzdem – oder gerade deshalb – passen wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Eine abgefahrene Version von “Hotel California” im Reggae-Style setzt einen gekonnten Schlusspunkt hinter einen tollen Auftritt.

Und während nebenan das Fußballspiel um den dritten Platz der Weltmeisterschaft in Südafrika läuft, wird die Bühne für Rapper NAS und Damian “Jr. Gong” Marley, den jüngsten Sohn von Reggae-Legende Bob Marley, umgebaut. Im Auditorium Stravinski stehen heute übrigens James Walsh und Vanessa Paradis auf der Agenda.

Im Gegensatz zum Gig der Moonraisers ist die Miles Davis Hall bei NAS und Damian Marley brechend voll. Die Türen des Saals gehen nicht mehr zu, die Luft ist zum Schneiden – aber die Stimmung ist auf dem Siedepunkt. “Switzerland, can you hear me?” fragt der Rapper im weißen T-Shirt – und bekommt sogleich die Antwort der tobenden Menge zu hören – geil. Dann folgt der lautstarke Beweis, dass Hip Hop und Reggae wunderbar zusammenpassen. Leider bekommt man von der Band nicht allzu viel mit, die Hauptarbeit hat der DJ. Dabei wechseln sich NAS und Marley am Mikrofon gekonnt ab, der eine singt, der andere flowt mal laut, mal eher zurückhaltend – und das zu Tracks wie “Leaders” oder “Count Your Blessings”. Auch der wohl größte kommerzielle Hit von NAS “If I Ruled The World” darf natürlich nicht fehlen.

Over and out. Sollte man nach diesen beiden Auftritten denken. Doch es geht noch weiter. Zum Beispiel im Montreux Jazz Café, denn da steht der Abend unter dem Motto “Spot On Danemark”. Mit dabei ist die Band Kiss Kiss Kiss, deren Songs ein klein wenig an Mando Diao erinnern, aber nicht ganz so pathetisch und poppig klingen. Die Stimme des Sängers ist außergewöhnlich, die Musik meist tanzbar.

Am darauffolgenden Abend begeistern dann noch Jazz-Pianist Keith Jarrett mit Gary Peacock und Jack DeJohnette das geneigte Jazz-Publikum, parallel dazu treten der US-amerikanische Pionier des Sprechgesangs, Gil Scott-Heron und Soul-Sängerin Erykah Badu am Genfer See auf. Montags findet das Montreux Jazz-Festival wieder mit deutscher Beteiligung statt, denn neben der Schweizer Armee Big Band unter der Leitung von Pepe Lienhard (mit Gästen wie Max Herre und Joy Denalane) gibt sich auch der deutsche “Vorzeige-Swinger” Roger Cicero die Ehre.

Jazz oder nie – das 44. Montreux Jazz Festival startet Anfang Juli mit internationalem Star-Aufgebot

Sommer am Genfer See, das heißt für viele auch immer Sommer in Montreux – und damit ein Sommer ganz im Rhythmus der Musik des Jazz Festivals. Mitte der 1960er Jahre gestartet, hat Mastermind und Initiator Claude Nobs in den vergangenen Jahrzehnten eine echte Institution für Musikfans aus aller Welt geschaffen – und damit eine Art Markenzeichen für die Künstler von gestern, heute und morgen. Denn wer in Montreux aufgetreten darf, hat es irgendwie geschafft.

Bemerkenswert ist der mediterrane Flair der Stadt, die direkt am berühmten „Lac Léman“ in der südlichen Schweiz gelegen ist. Dies ist nicht nur den beiden Hauptlocations, der Miles Davis Hall im berühmten Casino und dem Auditorium Stravinski geschuldet, sondern auch an den zahlreichen kostenlosen Konzerten, Workshops und Wettbewerben, die als Rahmenprogramm stattfinden. Und spätestens, wenn einer der typischen Schaufelraddampfer mit Musikern an Bord von einer der Landungsbrücken ablegt und mit groovender Musik in den Sonnenuntergang fährt, ist auch dem Letzten klar, dass das Jazz Festival in Montreux immer etwas ganz Besonderes ist.

Und auch das Musikprogramm ist in diesem Jahr wieder eine Liste des Who-is-Who der internationalen Musikszene. Los geht es offiziell am 02. Juli, wobei bereits am Abend zuvor ein „Pre-Festival-Concert“ stattfindet. Phil Collins, der vermutlich die kürzeste Anfahrt zum Konzert haben dürfte, wohnt er doch selbst am Genfer See, eröffnet den Konzertreigen mit einem Abend ganz im Zeichen der der Motown Musik aus den 1960er Jahren.

Zu den Highlights des 44. Montreux Jazz Festivals zählen Konzerte der Altrocker von Roxy Musik mit Frontmann Bryan Ferry, der französischen Elektropop-Ikonen AIR, Norah Jones, der Trip-Hopper von Massive Attack, Mark Knopfler, Simply Red und den Hip-Hop Legenden von De La Soul. Auch Katie Melua, deren neues Album „The House“ kürzlich erschienen ist, sowie die Schweizer Musikerin Sophie Hunger oder Blueslegende Buddy Guy sind mit von der Partie. Zwar wurde die musikalische Bandbreite des Festivals im Laufe der Jahre behutsam erweitert, der Jazz ist aber noch immer tonangebend.

Und auch 2010 sind wieder echte Leckerbissen im Programm zu finden. So zum Beispiel das grandiose Keith Jarett Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette, Jazzpianistin Diana Krall, die sich einen Abend mit ihrem Mann Elvis Costello teilt, Brad Mehldau, Chick Corea oder Herbie Hancock. Ein besonderes Konzerterlebnis verspricht die „Singin‘ & Swingin‘-Night“ am 12. Juli, denn hier tritt die Big Band der Schweizer Armee unter der Leitung von Pepe Lienhard mit Gästen wie Joy Denalane, Klaus Doldinger, Max Herre und vielen mehr auf. Die zweite Hälfte des Abends gehört dann dem deutschen Meisters(w)inger Roger Cicero, der ebefalls mit (s)einer Big Band anreist. Am 9. Juli feiert das Festival die Musik Afrikas mit einer Hommage an Miriam Makeba. Angélique Kidjo zollt mit einigen der grössten afrikanischen Stars der „Mama Africa“ einen einmaligen Tribut. Youssou N’Dour rundet den Abend mit den Dakar-Kingston ab.