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Gipfeltreffen: Die „Old Friends“ gastieren in der Jazz Fabrik Rüsselsheim

20.30 Uhr – fast ein bisschen spät für ein Jazzkonzert unter der Woche. Aber die Stuhlreihen vor der Studiobühne im Rüsselsheimer Theater sind am 23. September fast komplett gefüllt. Kein Wunder, denn wenn die „German Jazz Masters“ mit Namen wie Klaus Doldinger, Wolfgang Schmid oder „Obi“ Jenne auf den Plakaten stehen, ist großartige Musik garantiert.

Gestartet wird ohne viel Auflebens, Song Nummer eins ist „Suggestion“, aus der Feder von Manfred Schoof, dem Mann an Trompete und Flügelhorn. Dabei scheinen die fünf Musiker die ersten Minuten zu brauchen, um sich so richtig warm zu spielen – aber das sei selbst Routiniers dieser Klasse zugestanden. Denn schon mit dem nächsten Stück „Yellow Cab“, geschrieben von Klaus Doldinger nach einem New York-Besuch, steigern die Old Friends ihr Tempo und ihre Präzision merklich. Weiter geht es mit der melodischen Nummer „Wendekreis“, diesmal von Wolfgang Dauner. Und dass ein Pianist für die Komposition verantwortlich zeichnet, merkt man schon beim harmonieverliebten Piano-Intro, in das der Rest der Band behutsam einsteigt. Überhaupt ist das Geschehen auf der Bühne durch großen Respekt vor- und im Umgang miteinander geprägt. Fast alle kennen sich seit mehreren Jahrzehnten, verstehen sich blind – und wissen genau, wann sie sich für ein Solo des jeweils anderen zurücknehmen müssen, um Minuten später wieder auf den Punkt genau mit einzusteigen. Der Song „Like Don“, eine fetzige, groovige Nummer, bei der vor allem Drummer Meinhard „Obi“ Jenne Vollgas gibt, schließt das erste Set. Bis hierher absolut grandios. Doch es sollte noch besser werden.

Opener des zweiten Teils ist ein echtes Freejazz-Brett. Hohes Tempo, irrsinnige Improvisationen und scheinbar quer durcheinander gespielte Töne prasseln auf das Publikum herein, nur kurz unterbrochen durch ein paar ruhige Passagen, nach denen es aber gleich wieder voll zur Sache geht. Und zwar so vehement, dass Manfred Schoof beim Solo sogar ein kleines Teil seiner Trompete zu Boden fällt. „Jemand verletzt?“ fragt der gebürtige Magdeburger mit breitem Grinsen. Gelächter im Publikum – doch schon geht’s weiter. Mit „Cross Talk“ steht nun ein etwas gediegeneres Stück von Klaus Doldinger auf der Tracklist. Und wieder: Exzellente Soli, bei denen man merkt, dass keiner der Musiker sich oder dem Publikum irgendetwas beweisen muss. Vielmehr spürt man förmlich den Spaß, den die fünf miteinander haben – und kommt nicht umhin, das ein oder andere Mal über die Nonchalance und Lässigkeit zu schmunzeln, mit der die Künstler ihrer Arbeit nachgehen. Die letzte Nummer, „Tanz-Tanz“ von Wolfgang Dauner, baut sich langsam auf, groovt, wird richtig funky und gipfelt in einem mehrminütigen Drum-Solo von einem brillanten, schier entfesselt spielenden „Obi“ Jenne am Schlagzeug.

Zeit für die swingende Zugabe „Lucky Loser“ bleibt natürlich noch. Ehrensache. Doch dann ist endgültig Schluss. Bedenkt man, dass die Mehrheit der „Old Friends“ schon weit über 70 ist – sind zwei so druckvolle Stunden Konzert eine mehr als respektable Leistung. Was für ein Konzert: Abwechslungsreich, virtuos – und auf verdammt hohem Niveau.

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Präzision trifft Tempo: Das James Carter Quintet begeistert im Rüsselsheimer Stadttheater

James Carter gehört zu den ganz Großen unter den Jazz-Saxophonisten. Entsprechend hoch war die Erwartungshaltung, als der in Detroit geborene Musiker am 25. Juli mit seinem „James Carter Quintet“ Station im Rüsselsheimer Stadttheater machte. Selbst der ehemalige Verteidigungs-Minister Franz-Josef Jung war gekommen, um dem Konzertereignis beizuwohnen.

Und die Erwartungen wurden mehr als erfüllt: Alle fünf Musiker präsentieren sich auf höchstem Niveau, sind absolute Meister ihres Fachs und gehen mit schier unglaublicher Präzision zu Werke – kein Wunder, dass das Konzert vom Deutschlandfunk mitgeschnitten wurde. Dabei sind die Songs wie „Bossa J. C.“ oder „Sussa Nita“, die zum Großteil aus dem aktuellen Album „Present Tense“ stammen, nur so gespickt mit grandiosen Solo-Einlagen, virtuosen Improvisationen und strotzen vor herrlich swingendem Groove. James Carter kennt das Saxophon in- und auswendig, hat sein Instrument perfekt unter Kontrolle, entlockt ihm dumpfe, helle, teils schreiende und quietschende Töne, die sich zu einem heiseren Röhren steigern und dem Publikum einiges abfordern. Dann wechselt er zur Querflöte, lässt die Arpeggien in ungeahnte Höhen perlen – und nimmt sich bei der nächsten Nummer die Klarinette vor. Hier und da schüttelt er mal eben noch Melodien aus Gershwins „Summertime“ oder Stevie Wonders „Isn’t She Lovely“ aus dem Ärmel – Grandios.

Das Tempo, welches er und seine Musiker mitunter gehen, sprengt alle Grenzen. Und trotzdem bleibt Zeit für kleine Scherze unter Kollegen. Die Stimmung auf der Bühne ist super, es wird viel gelacht. Besonders gefallen haben mir Trompeter Corey Wilkes, der mit erstklassigen Soli für Begeisterung sorgt und Gerard Gibbs am Flügel. Und auch der Pianist geht nicht gerade zimperlich mit seinem Instrument um, entpuppt sich als ein wahrer Tasten-Quäler, der gerne mal mit dem Ellenbogen nachhilft um das Klangerlebnis perfekt zu machen. Drummer Leonard King behält auch in hektischen Passagen den Überblick, Ralphe Armstrong zupft, streich(el)t und klopft die Saiten seines Kontrabasses absolut souverrän und bekommt mehrfach Szenenapplaus für sein Können.

Nach rund 100 Minuten verabschiedet sich das Quintett, für eine Zugabe kommen nur Carter und Bass-Mann Armstrong zurück. Es folgt der fröhlich swingende Song „Living My Life“, in dem sich Saxophon und Bass wunderbar ergänzen und gegenseitig zitieren. Ein gekonnter Schlusspunkt für ein großartiges Konzert.