Schlagwort-Archive: Wayne Shorter

„It must swing“ – eine Reise zu den großen Meistern des Jazz-Saxophons

IMG_8723_S Die Mauritius-Mediathek in Wiesbaden. Eigentlich beherbergt sie die neue Stadtbibliothek der hessischen Landeshauptstadt. Am Abend des 24. Oktober ist sie jedoch Schauplatz für ein gelungenes Jazzkonzert, organisiert von Vollblutjazzer Andreas Hertel am Flügel und Saxophonist Thomas Bachmann am Saxophon. Mit dabei: Rudolf Stenzinger am Kontrabass und Jens Biehl am Schlagzeug. Das Motto: „Meilensteine des Jazz-Saxophons“. Und das war nicht zuviel versprochen! Denn vom ersten Song an, dem swingenden Jazz-Standard „Sweet Georgia Brown“, geht es auf der Bühne voll zur Sache. Bachmann wechselt sich von Sopran- zu Tenor- zu Altsaxophon, überzeugt mit messerscharfen Melodien genauso wie mit nur leicht angedeuteten Subtones.

Zwischen den Songs ist Zeit für eine kurze Plauderei zwischen Hertel und Bachmann, die über Stilrichtungen, Improvisationstechniken und Spielweisen des Jazz-Saxophons philosophieren – und ganz nebenbei noch all die Musik-Genies abhandeln, die den goldenen Blechbläsern zu einer festen Größe des Jazz gemacht haben.

IMG_8734_SVon Coleman Hawkins geht die kurzweilige Reise zu Wayne Shorter, von Cannonball Adderley zu Dexter Gordon. Es gibt kaum einen der Alten Meister, denen die vier Musiker auf der Bühne an diesem Abend nicht mit einem seiner großen Hits huldigen. Zu Songs wie „Body And Soul“ oder „Sack O‘ Woe“ gesellen sich neben zahlreichen Bebop-Songs auch Meilensteine wie „Take Five“, das nicht – wie viele denken – von Pianist Dave Brubeck, sondern von seinem Saxophonisten Paul Desmond komponiert wurde. Mit großer Spielfreude, reichlich Raum für Improvisationen aller Beteiligten und einem guten Händchen für die Auswahl der Songs reißen die Musiker die gut 150 Zuhörer schnell in ihren Bann. Den Abschluss bilden der Bossa Nova „Recordame“ aus der Feder von Joe Henderson und das legendär-swingende „St. Thomas“ von Sonny Rollins, einer der wenigen genreprägenden Jazzsaxophonisten, die noch leben.

IMG_8705_SFazit: Ein mehr als gelungener Abend, wie er in der hessischen Landeshauptstadt viel zu selten ist. Noch. Denn Andreas Hertel hat große Ambitionen, die Reihe fortzuführen: „Ich habe schon heute Ideen für mindestens zwei Jahre volles Programm im Kopf“, sagt der sympathische Wiesbadener am Rande der Veranstaltung. Man kann es ihm und seinen talentierten Mitstreitern nur wünschen. Das Publikum des Abends hat er definitiv auf seiner Seite!

Advertisements

Gewagte Mischung

DIGIPAC_ESR4_lay_2013_07_23Klassik und Jazz? Zusammen auf einer CD? Auf drei CDs? Sowas funktioniert? Die Antwort: Ja – und nein. Denn beide Musikrichtungen markierten und markieren oft genug das jeweilige Extrem: Auf der einen Seite die oft steril-wirkenden, durchkomponierten Melodien von asketischer, fast berauschender Reinheit, die bis ins kleinsten Detail festgelegt und geplant sind. Stur Note für Note vom Blatt gespielt. Auf der anderen Seite die scheinbar zufälligen, zum Großteil auf Improvisation basierenden Jazz-Kracher, die für manchen Hörer weder eine Struktur erkennen lassen, noch so klingen, als müsste man dafür überhaupt ein Instrument beherrschen.

Doch zurück zu „Classique & Jazz“: Die Compilation ist definitiv nichts für alle, die im Poesie-Album unter „Lieblingsmusik“ angegeben haben „alles was im Radio so läuft“. Die bizarre Schönheit, die harten, ja sogar grotesken Brüche, die sowohl Jazz als auch klassische Musik beim audiophilen Crashtest entwickeln können, sind nichts für schwache Ohren. Aber: Die Zusammenstellung sei all denen ans Herz gelegt, die ihren musikalischen Horizont erweitern – und ihren Ohren etwas abseits der weichgespülten Jazzpop-Brühe oder dem „Dingsbums-Orchester spielt Star Wars Soundtrack“ bieten wollen. Denn auf „Classique & Jazz“ geht’s zur Sache! Dennoch: Alle Songs und Stücke sind mit Bedacht gewählt. Mal passen die Übergänge wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge, mal scheinen die Furchen, die zwei Tracks der CDs von einander trennen, tief wie der Marianengraben. Und – um der maritimen Welt noch ein wenig treu zu bleiben – es gibt viele musikalische Perlen, die darauf warten, auf „Classique & Jazz“ entdeckt zu werden.

Anspieltipps zu liefern wäre bei einer solch heterogenen Mixtur sicher anmaßend. Dennoch seien an dieser Stelle einige der klangvollen Namen erwähnt, die auf den drei CDs vertreten sind: Vom gefeierten Klassik-Jungstar Sven Helbig über Benjamin Britten oder Aaron Copland bis hin zu Jazzaltmeistern wie Miles Davis, John McLaughlin und Wayne Shorter.

Also: An dieser Stelle keine uneingeschränkte Kaufempfehlung für alle, die unter Musik primär Hintergrundgedudel verstehen. Aber: Für musikalische Gourmets, die sich gern die ein oder andere müßige Stunde vor der Stereoanlage gönnen, wird „Classique & Jazz“ sicher ein Hochgenuss sein.

Kurz und gut: Wayne Shorter in der Alten Oper Frankfurt

Eins gleich vorweg: Wayne Shorter sprengt musikalische Grenzen, pfeift auf Konventionen wie Refrains oder Strophen und spielt seine Musik mit einer solchen Inbrunst und Leidenschaft, dass es eine wahre Freude ist. Dabei fällt vor allen Dingen die unfassbare Bandbreite auf, die der Mann am Saxophon beschreitet. Mal laut, kraftvoll, ja fast atemlos – mal sehr leise, akzentuiert und bedacht. Das macht Spaß, fordert dem Publikum aber auch einiges ab, denn Shorter ist ständig auf der Suche – und das im positivst-möglichen Sinne. Im Gegensatz zu einigen seiner Kolleginnen und Kollegen hinterfragt der bekennende Buddhist den Jazz, erfindet sich neu – und beweist sich dabei als äußerst wandlungsfähig. Da mitzukommen ist ein wenig anspruchsvoller. Man muss sich schon konzentrieren und sich auf die Songs, Melodien und Improvisationen einlassen – was mir zugegebener Maßen – auch nicht die ganze Zeit über gelungen ist. Shorter und sein Quartett mit Brian Blade am Schlagzeug, Danilo Perez am Piano und John Patitucci am Kontrabass spielen in einem durch. Leider geht gerade Patitucci in den lauteren Parts ein wenig unter – Piano und Schlagzeug sind quasi omnipräsent und lassen dem Basser nur wenig Luft zum Atmen.

Der Meister selbst wechselt oft zwischen Tenor- und Sopransaxophon, greift seinem Piano-Man Daniel Perez in die Saiten oder lässt sein Mundstück in den offenen Flügel fallen, um für neue Klangerlebnisse zu sorgen.

Nach rund einer Stunde entlässt der US-Amerikaner sein Publikum mit zwei Zugaben in die Herbstnacht. Und erstaunlich viele Leute bleiben bis zum Schluss. Das verwundert, denn das Publikum der Alten Oper Frankfurt ist doch eher mainstreamig orientiert und huscht bei Jazzkonzerten abseits von Diana Krall pünktlich vor der ersten Zugabe in Scharen Richtung Ausgang.