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Verlängertes Wochenende: Drei Tage beim Aalener Jazzfest 2010

Mein Wochenende auf der Ostalb beginnt am Freitag in der Aalener Stadthalle – pardon: vor der Stadthalle, denn die Parkplatzsuche gestaltet sich doch nicht ganz so entspannt, wie erwartet. Kein Wunder, steht an jenem Abend neben Jazz- und Latin-Gitarrist Peter Fessler auch das „enfant terrible“ der deutschen Entertainer-Szene Jan Delay zusammen mit seiner Band Disko No. 1 auf der Agenda. Ein Blick in die Halle zeigt: Ausverkauftes Haus, die Hälfte unbestuhlt. Also mitten in die Menge – und ab dafür!

Zuckerhut und Peitsche: Peter Fessler besticht mit lässiger Beständigkeit.

Über Peter Fessler wurde so manches geschrieben, seit er vor vielen Jahren mit der Pop-Combo Trio Rio den Hit „New York, Rio, Tokyo“ landen konnte.
Fakt ist: Allein seine Gitarre und seine Stimme reichen aus, um die Zuhörer mit lässigen oder gefühlvollen Latin-Rhythmen zu begeistern. Doch gegen das Gekreische und die Geschwätzigkeit des jungen Aalener Publikums, das hauptsächlich wegen Jan Delay gekommen ist, tut er sich schwer. Und das, obwohl er mit Percussionist Alfonso Garrido noch Unterstützung hat. Seinem Unmut darüber macht er zwar mehrfach Luft, doch vergebens. Leider – und das ist mein einziger Kritikpunkt – hat er musikalisch betrachtet wenig Neues im Gepäck. Schade.

„Was geht Leude?“ Jan Delay und Disko No. 1 zwischen Soul, Dance und Hip-Hop

Kurz nach 19 Uhr entern Jan Delay und seine siebenköpfige Band Disko No. 1 nebst drei Sängerinnen die Bühne. Und gleich zu Beginn der erste Kracher: „Türlich, türlich“, das er gekonnt auf den Sound des alten Cameo-Songs „Word Up“ gebastelt hat. Der Text ist bekannt, der Song auch, die Mitgröl-Quote liegt nahe 100 Prozent. So weit so gut, die Stimmung ist schon jetzt absolut klasse. Zwar wirken die andauernden Sticheleien des Hip-Hoppers in Richtung des etablierten Jazzfest-Publikums ein wenig daneben, doch die Fans fühlen sich gut unterhalten.
Das Programm indes ist ein bunter Ritt querbeet durch den Pop-Gemüsegarten. Kleine Schlenker in Richtung Reggae mit „Vergiftet“ oder „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, aber auch in Richtung Funk und Soul mit Songs wie „Large“ oder „Showgeschäft“ sind dabei. Alles groovend, gut instrumentiert und absolut tanzbar – die langsamen Tracks hat Jan Delay an diesem Abend im Tourbus gelassen. Einzig die Stimme, die ja nicht unbedingt für ihre Deutlichkeit oder Variabilität bekannt ist, wirkt auf die Dauer ein wenig einseitig – doch das ist nichts, was den Musikgenuss wirklich trüben könnte. Nach ganzen vier Zugaben ist Schluss. Gut gebrüllt, Tiger!

Ramada-Hotel, die Erste: Jetzt wird’s groovy!

Soul und Funk – nur eine Spur konsequenter – das könnte das Motto für die Konzerte im Aalener Ramada-Hotel, der zweiten großen Spielstätte des Festivals, an diesem Freitag Abend gewesen sein. Mit Ola Onabule steht jedenfalls ein echter „Soul-Man“ samt Band auf der Bühne. Samtweiche Stimme, gepaart mit feinsten Songs – das kommt an und macht Lust auf mehr. Zum Beispiel auf Bibi Tanga & The Selenites, denn die vier Jungs und der Mann an Bass und Mikro drücken aufs Tempo: Extreme Bassläufe, kombiniert mit abgefahrenen Sounds und Vocals aus dem Sampler von Producer Le Professeur Inlassable sorgen für Stimmung und ein tanzendes Publikum. Allerdings müssen die fünf sich ein wenig sputen, denn es ist schon weit nach 0.30 Uhr und eigentlich sollten schon längst die Japaner von Soil & „Pimp“ Session spielen. Deshalb verabschiedet sich Bibi Tanga mit dem Soul-Klassiker „Get On Up“ – ein absolut gelungener Auftritt. Und dann wird’s freaky, denn alle Japan-Klischees sind erfüllt, als die selbsternannten „Death-Jazzer“ von Soil & „Pimp“ Session einmarschieren: Verranzte Klamotten, Lack-Sneaker, Goldkettchen, Sonnenbrillen und Kopfbedeckungen nach dem Motto „Dreißigjähriger Krieg trifft Techno-Party“. Das Publikum wartet gespannt, was von dieser vermeintlichen Freakshow zu erwarten ist – und wird überrascht, denn der Sound ist gleichermaßen expressiv, rastlos und energiegeladen, hat aber auch etwas Skurriles an sich, vor allem, wenn sich die völlig entkräfteten Musiker nach ihren ausdauernden Soli mit Sauerstoff aus der Maske regenerieren. Nicht unerwähnt bleiben darf „Agitator“ Shacho, der zwar weder an einem Instrument noch am Mikrofon in Erscheinung tritt, aber trotzdem mitwippend und animierend auf der Bühne präsent ist. Eine einmalige Performance und für mich die Entdeckung des gesamten Festivals, auch wenn am Schluss Musiker und Publikum fix und alle sind.

And the Beat goes on: Die Stadthalle am Samstag Abend

Nach einer sehr inspirierenden und anekdotenreichen Lesung aus der Biografie des Stuttgarter Jazzpiano-Urgesteins Wolfgang Dauner, die schon am Nachmittag stattgefunden hatte, steht als erster Programmpunkt wieder die Stadthalle auf dem Spielplan. Den Anfang macht die Aalener Musikschule – zwar definitiv als Ersatzprogramm für den ausgefallenen Gig von Jamie Cullum, aber mit Sicherheit nicht die schlechteste Alterative. Das Highlight des Abends beginnt jedoch um 19 Uhr: Die SWR Big Band zusammen mit Ex Mike & The Mechanics Sänger Paul Carrack. Und auch der Hauptact des zweiten Festival-Tages betritt in Anzug – und wie Jan Delay mit Hut – die Bühne, wenngleich auch in etwas gedeckteren Farben.

Die Band begeistert wie eh und je mit großartigen Arrangements, grandiosen Soli und einger gehörigen Portion Swing. Paul Carrack komplettiert mit seiner einfühlsamen, markanten Stimme den musikalischen Gesamteindruck. Auf der Setliste stehen neben klassischen Jazz- und Big Band-Songs wie „Sunny Afternoon“, Van Morrissons „Moondance“ oder Sammy Nesticos „King Porter Stomp“ auch Lieder von Carracks neuem Album. Und natürlich dürfen ein paar der alten Hits nicht fehlen. Aus „Another Cup Of Coffee“ wird eine fetzige Latin-Version, für die Ballade „The Living Years“ setzt sich der Engländer selbst an den Flügel – und die Band hat Pause.

Ramada-Hotel, die Zweite – oder: weniger ist mehr!

Kaum ist der letzte Ton in der Stadthalle verklungen (als Zugabe folgt „I’ve Got You Under My Skin“), ruft der finnische Pianist Iiro Rantala ins Ramada-Hotel, der sein Publikum in der Piano-Bar mit üppigen und klangvollen Arrangements begeistert. Überhaupt stehen an diesem Abend mit Ulf Wakenius und der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah oder Gitarrist Allan Holdsworth viele Konzerte auf dem Plan, bei denen nur ein paar Musiker auf der Bühne stehen. Letzterer zaubert mit seinem Instrument, nur von Bass und Schlagzeug begleitet, rockige, fast schon fusionartige Riffs und sphärische Flächensounds, so dass manch einer schon verdutzt nach dem Typ mit dem Synthesizer auf der Bühne Ausschau hält.

Die „große Bühne“ im Ramada gehört zu Beginn des Abends Christian Scott & Band. Während der junge Trompeter aus New Orleans mit großer Spielfreude und tollen Soli überzeugt – und immer auch seine Mitmusiker Solo-technisch zu Wort kommen lässt ist der zweite Act eine kleine Enttäuschung: Denn von Musikern wie Mike Mainieri oder Steve Gadd mit ihrer Band „L’Image“ hatte ich mir mehr versprochen. Zwar sind die Songs gut gemacht und phasenweise echt rockig, wirken aber insgesamt ein wenig blutleer. Nebenan in der Limes-Therme spielen parallel die Heavytones, die Band aus Stefan Raabs „TV Total“ unter dem Motto „Pack die Badehose aus“. Doch leider kommt die Nachricht, dass man dem Konzert auch mit Überziehschuhen lauschen darf, ein wenig spät. Zu spät für mich. Den letzten Auftritt im Ramada bestreitet an diesem Abend Christian Prommer mit seinem Projekt „Drumlesson“. Zusammen mit seiner Band webt er zwar ein sehr präzises Netz aus perkussiven, treibenden Sounds, gespickt mit Samples, Techno- und Drum & Bass-Elementen, die Prommer aus dem Rechner holt und gekonnt verzerrt und verfremdet. Doch auch hier fehlt irgendwie das Highlight, das Besondere. Zweifelsohne ist der Auftritt nett anzuhören, aber zur späten Stunde hätte ich mir etwas mehr Pfiff und Abwechslung gewünscht.

Die eigentliche Drumlesson folgt am Sonntag Vormittag – könnte man meinen. Denn der leer geräumte Aalener Weinladen „Weinmusketier“ platzt aus allen Nähten, als Drummer Omar Hakim und seine Band die kleine Bühne betreten.  Zwar mit einer halben Stunde Verzögerung, aber dafür bestens gelaunt und mit genug Rhythmus im Blut um auch den letzten Zuhörer mitzureißen, gehen Hakim und seine Freunde ans Werk. Dabei spielt er Songs wie „Carpe Diem“ aus seinem aktuellen Alben, knüpft aber musikalisch auch an die alten „Weather Report“-Zeiten an.
Atemberaubende, furiose, minutenlange Soli in fast jedem Stück, raffinierte Tempowechsel und eine grandios zusammen-arbeitende Band zeigen: Die Jungs haben richtig viel Spaß – und das Publikum ist mehr als begeistert. Doch es geht noch weiter, denn der Mann am Schlagzeug steht auf, singt, klatscht und trommelt nur in Begleitung seines Keyboarders, um sich gleich danach wieder die Sticks zu schnappen und einen neuen Groove anzuspielen. Ein ausgezeichnetes Konzert mit Überlänge, das die Zeit vergessen lässt.

Fast zumindest. Denn schon vibriert das Handy: Noch eine halbe Stunde bis der Zug fährt. Just in time komme ich am Bahnhof an, der Zug fährt los. Hinter mir ein tolles Festival-Wochenende mit vielen neuen Eindrücken, zwei Speicherkarten voller Fotos – und jeder Menge Musik im Ohr…

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Gipfeltreffen: Die „Old Friends“ gastieren in der Jazz Fabrik Rüsselsheim

20.30 Uhr – fast ein bisschen spät für ein Jazzkonzert unter der Woche. Aber die Stuhlreihen vor der Studiobühne im Rüsselsheimer Theater sind am 23. September fast komplett gefüllt. Kein Wunder, denn wenn die „German Jazz Masters“ mit Namen wie Klaus Doldinger, Wolfgang Schmid oder „Obi“ Jenne auf den Plakaten stehen, ist großartige Musik garantiert.

Gestartet wird ohne viel Auflebens, Song Nummer eins ist „Suggestion“, aus der Feder von Manfred Schoof, dem Mann an Trompete und Flügelhorn. Dabei scheinen die fünf Musiker die ersten Minuten zu brauchen, um sich so richtig warm zu spielen – aber das sei selbst Routiniers dieser Klasse zugestanden. Denn schon mit dem nächsten Stück „Yellow Cab“, geschrieben von Klaus Doldinger nach einem New York-Besuch, steigern die Old Friends ihr Tempo und ihre Präzision merklich. Weiter geht es mit der melodischen Nummer „Wendekreis“, diesmal von Wolfgang Dauner. Und dass ein Pianist für die Komposition verantwortlich zeichnet, merkt man schon beim harmonieverliebten Piano-Intro, in das der Rest der Band behutsam einsteigt. Überhaupt ist das Geschehen auf der Bühne durch großen Respekt vor- und im Umgang miteinander geprägt. Fast alle kennen sich seit mehreren Jahrzehnten, verstehen sich blind – und wissen genau, wann sie sich für ein Solo des jeweils anderen zurücknehmen müssen, um Minuten später wieder auf den Punkt genau mit einzusteigen. Der Song „Like Don“, eine fetzige, groovige Nummer, bei der vor allem Drummer Meinhard „Obi“ Jenne Vollgas gibt, schließt das erste Set. Bis hierher absolut grandios. Doch es sollte noch besser werden.

Opener des zweiten Teils ist ein echtes Freejazz-Brett. Hohes Tempo, irrsinnige Improvisationen und scheinbar quer durcheinander gespielte Töne prasseln auf das Publikum herein, nur kurz unterbrochen durch ein paar ruhige Passagen, nach denen es aber gleich wieder voll zur Sache geht. Und zwar so vehement, dass Manfred Schoof beim Solo sogar ein kleines Teil seiner Trompete zu Boden fällt. „Jemand verletzt?“ fragt der gebürtige Magdeburger mit breitem Grinsen. Gelächter im Publikum – doch schon geht’s weiter. Mit „Cross Talk“ steht nun ein etwas gediegeneres Stück von Klaus Doldinger auf der Tracklist. Und wieder: Exzellente Soli, bei denen man merkt, dass keiner der Musiker sich oder dem Publikum irgendetwas beweisen muss. Vielmehr spürt man förmlich den Spaß, den die fünf miteinander haben – und kommt nicht umhin, das ein oder andere Mal über die Nonchalance und Lässigkeit zu schmunzeln, mit der die Künstler ihrer Arbeit nachgehen. Die letzte Nummer, „Tanz-Tanz“ von Wolfgang Dauner, baut sich langsam auf, groovt, wird richtig funky und gipfelt in einem mehrminütigen Drum-Solo von einem brillanten, schier entfesselt spielenden „Obi“ Jenne am Schlagzeug.

Zeit für die swingende Zugabe „Lucky Loser“ bleibt natürlich noch. Ehrensache. Doch dann ist endgültig Schluss. Bedenkt man, dass die Mehrheit der „Old Friends“ schon weit über 70 ist – sind zwei so druckvolle Stunden Konzert eine mehr als respektable Leistung. Was für ein Konzert: Abwechslungsreich, virtuos – und auf verdammt hohem Niveau.